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die Rede des Miltiades. Schon ehe er den Kallimachus über den Gegenstand seiner Sorge aufklärt, sucht er bereits auf dessen Ehr- gefühl einzuwirken, eine tiefgehende Besorgnis zu erwecken und sich an seinen Patriotismus zu wenden. Nachdem er dann sein Anliegen vorgetragen hat, geht er zum Schluß über, nicht ohne abermalige Erregung der nämlichen Affekte.
So erklärt es sich, daß«derselbe Historilcer, der in seinem allge- meinen Plane und in dem abhandelnden Teile seines Werkes Klarheit und Ebenmaß der Teile nur zu oft vermissen läßt, plötzlich in einer eingelegten Nede eine ganz durchsichtige Anordnung zeigen kann.» ¹)
Bei dieser Gelegenheit können wir Fühlung gewinnen mit dem Unterricht in der römischen Geschichte und Sprachentwickhlung. Eine verwandte Erscheinung ist nämlich der merkwürdige Einfluß des Wettbeiwerbes zuwischen Konsuln und Volkstribunen auf die Ausbildung der lateinischen Sprache. Vor der Einsetzung des Tribunats brauchte der leitende Beamte die Volksversammlung nur in schlichter Form zu belehren und zu unterweisen. Später dagegen war es ihm un- erläßlich, durch rednerische Mittel aller Art dem gefährlichen Mit- bewerb der Tribunen zu begegnen.
Wer nicht überreden konnte, sei es nun durch Angabe von Vernunftgründen, sei es durch Einwirkung auf Herz und Gemüt, der war für das öffentliche Leben verloren. So erklärt sich aus dieser Entwickelung heraus zum Teil der rhetorische Charakter der lateinischen Sprache, sowohl der geschriebenen wie der gesprochenen. ²)
In Kap. 110 finden wir den militäirischen Oberbefehl in den Händen von zehn Feldherren, die sämtlich durch VFolkszwahl jährlich neu ein- gesetzt werden. Einer ähnlichen Einrichtung begegnen wir bei den Römern. Sie haben zu spät eingesehen, daß die Ernennung der Feldherren lediglich nach Maßgabe ihrer Befähigung zu treffen ist, nicht aber das Ergebnis der Wahlurne sein darf. Den täglich wechselnden und mit einem bestimmten Tag ablaufenden Ober- befehl haben wir hier wie dort. Daß diese Einrichtung durchaus unzweckmäßig ist, beweist die Geschichte des hannibalischen Krieges. Meinungsverschiedenheiten der Führer, nicht einheitliche Durchführung der wichtigsten Maßregeln, nicht auf sachliche Er- wägungen, sondern auf Ehrgeiz und gereizte persönliche Stimmung zurückgehende Unternehmungen sind die unausbleiblichen, verhäng- nisvollen Folgen.
¹) Vgl. Adolf Philippi, Die Kunst der Rede. Deutsche Rhetorik, Leipzig, Grunow, 1896, S. 13.
²) UÜber das rhetorische Gepräge der römischen Litteratur vgl. Manso in«Vermischte Abhandlungen und Aufsätze», Breslau 1821.— Sehr schön und klar hat dies auch A0 auseinandergesetzt in seiner für Schülerbibliotheken sehr empfehlenswerten Geschichte der römischen Litteratur», S. 9ff. UÜber die Mitwirkung anderer Einflüsse vgl. E. Norden, a. a. O., S. 16f ff.


