Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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stellt er in kritischer Zeit in den Dienst des Vaterlandes. Er muß ein außerordentlich vertrauenerweckender und zuverlässiger Mann gewesen sein; denn sonst hätte man ihn für diese hoch- wichtige Aufgabe nicht ausersehen. Ein lebhaftes Verantwortlich- Keilsgefühl war nicht sein geringster Vorzug.(Eine ähnliche Rolle spielt der Pädagoge Sixinnus vor der Schlacht bei Salamis(VIII, 75), und im deutschen Krieg 1866 Graf Finkenstein, der Flügeladjutant des Königs, zur Ermöglichung des Sieges von Königgrätz. Bekannt- lich überbrachte dieser Offizier nach einem nächtlichen Gewaltritt von über sechs Meilen um vier Uhr morgens dem Kronprinzen die Nachricht, daß die Schlacht auf den 3. Juli festgesetzt sei.)

Die Persönlichkeit des Phidippides gewinnt auch noch dadurch an Bedeutung, daß angeblich ein Gott es nicht verschmäht, mit ihm in unmittelbare Verbindung zu treten. Der Gott betrachtet in diesem Falle den flinken Athener als ein Organ der Regierung, als einen vollwertigen Vertreter der athenischen Volksgemeinde, der er in schwerer Not seine Unterstützung in bedingter Form ver- spricht. Der«panische» Schrecken, der die Perser bei Marathon ergriffen hat nach der Auffassung und Überlieferung der Athener ein Beweis von der erneuten Zuwendung der Gunst des mit- fühlenden Gottes, war auf diese Begegnung in erster Linie zurückzuführen.

So tiefernst die Sache an sich ist, so kann doch nicht ge- leugnet werden, daß die äußerst anmutige, von unserem liebens- würdigen Erzühler mit wenigen Worten gegebene Darstellung ein Situationsgemllde entwirft, das eines gewissen mystisch-phantastischen Reizes, ja eines höchst poetischen Zuges nicht entbehrt. Man muß sich nur mit Wärme in den Geist der Zeit im allgemeinen und in die Lage der Dinge im besonderen versenken, um dem gläubigen Herodot nachempfinden zu können.

Unaufhaltsam, nur mit den notwendigsten Ruhepausen, dem geflügelten Hermes in den Lüften(Verg. An. IV, 288 ff.) ver- gleichbar, eilt er dahin, der wackere Athener, auf den Fittichen vaterländischer Begeisterung. Argos hat er bereits hinter sich und überschreitet auf dem Trochospaß die Felswand des Parthenion. Die Stimmungsgewalt lautloser Stille und menschenleerer Einsamkeit hat ihn ergriffen. Mit einem tiefempfundenen Gebet zum Pan, dem der Berg selbst heilig war, und dem man ein besonderes Heilig- tum in der Bergwildnis ¹) errichtet hatte, erleichtert er sein be- klommenes Herz. Da täuscht er sich nicht? hört er ganz von ferne mit gemischten Gefühlen die Töne der Syrinx und bald darauf die laute Stimme des anrufenden Pan. Er hemmt seine Schritte; heiliger Schauer ergreift sein ohnedies aufgeregtes Herz.

) val. E. Curtius, Peloponnesos, I, 260.