Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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Nunmehr nimmt er in Ehrfurcht die Aufträge des mitfühlenden Gottes entgegen. Der plötzliche Ruf des Pan in der Waldeinsam- keit hat ihm anſänglich einen tiefen Schrecken eingejagt; aber die Überraschung war eine freudige geworden, und unter ihrem Ein- druck eilt er jetzt in gehobener Stimmung von dannen.

«Märchen noch so wunderbar, Dichterkünste machen's wahr.» Dieses Wort Goethes, das bei der Lektüre der Dichter oft da eintritt, be- ruhigt und weitergehen heißt, wo der nüchterne Verstand Verstöße gegen die Folgerichtigkeit und ähnliches gefunden zu haben glaubt, gilt auch hier. Oder will jemand leugnen, daß Herodot mit dieser Erzählung dem Homer nüher steht als dem Thulcjdides, zwischen denen er aufs natürlichste den Übergang vermittelt?

Nachdem wir auf diese Weise der Phantasie in dem Sinne von Gestaltungskraft, die das Gelesene zu wirklicher innerer Anschauung erhebt, Nahrung gespendet, wollen wir doch nicht versäumen, auch den kühl abwägenden und ergründenden Verstand in Thätigkeit treten zu lassen. Wir stellen an den Schüler die Frage, wie es denn überhaupt zu erklären ist, daß Phidippides diese Erscheinung ge- habt haben will?

Zunächst sei darauf hingewiesen, daß die Forstellung von dem persönlichen Eingreifen der Götter schon durch den Einfluß des Homerischen Epos den Griechen ganz geläufig war. Andererseits steht doch wohl bei Phidippides der Glaube an die Belebtheit des Waldes mit göttlichen Wesen fest. Daß der bekannte plötzliche Ruf des Pan jeden Augenblick erschallen könne, darauf mußte er gefaßt sein.

Nun bedenke man, in welcher Verfassung der Mann sonst war. Seine ganze Natur war aufgewühlt, äußerlich durch die außerge- wöhnliche körperliche Anstrengung, besonders aber innerlich durch das hochgradige Ergriffensein von der Gefahr der Zeit. Einige ausgenommen, wie z. B. den tiefernsten, leidgeprüften und selbst- bewußten Miltiades, zitterte ja alles in Griechenland, wenn man den Namen der Perser auch nur nannte(7 otar Eet al 15 05vO&, MI ορ ος ⸗ϑηαιꝛ NVI, 112). Eine ähnliche Situation hat der Schüler schon im Kampfe Cäsars mit Ariovist kennen gelernt(Cäs. bell. gall. I, 39).

Die Gewalt dieser Stimmung wurde noch unwiderstehlicher durch den eigentümlich wirkenden Aufenthalt in der menschenleeren, dagegen von reißenden Tieren¹) nicht unbelebten wilden Gebirgs-

¹)«In den Wäldern(Arkadiens) lebte eine wilde Tierwelt, welche den vollständiger angebauten Küstenländern fremd geworden war. Wölfe sind bis auf den heutigen Tag in Arkadien zu Hause; Bären und Eber erhielten die Bewohner des Landes in fortwährender Kampfübung und erprobten die Tüchtigkeit der gerühmten Jagdhunde von Tegea.) E. Curtius, Pelo- ponnesos, I, S. 156.