Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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hobenem und feierlichem Ton der Sprache äußert.(Zur Sache selbst vgl. den Mithraskult der röm. Kaiserzeit.)

Kap. 98 ist wichtig für das Bild, das wir uns von Herodot kK. 9s. machen müssen. Er erscheint als das Kind seiner Zeit, wenn er an eine Ohyenbarung des Götterwillens durch außerordentliche Natur- ereignisse(vgl. die portenta und prodigia der Römer), Orakel und fügen wir das dritte Mittel gleich hinzu durch Träume glaubt. Damit bekundet er seine, wie wir sehen werden, auch sonst viel hervortretende nahe Vernandtschaft mit Homer. Ebenso strenggläubig verhält er sich der historischen Sage gegenüber. Da- gegen was den Göttermythus anbelangt, steht er auf einer Stufe, die den Übergang bildet vom religiös-gläubigen zum philosophisch- aufgeklärten Standpunkt. ¹)

Daß Traumbilder bei den Griechen eine große Rolle spielen, ist dem Schüler aus Xenophons Anabasis wohlbekannt. Jeden- falls wird es schon oft sein Nachdenken beschäftigt haben, daß hervorragende Geister in dieser Gesinnung befangen sein konnten. Sie hat jedenfalls den Blick des Geschichtschreibers in die wirk- liche Verkettung der Begebenheiten nicht geschärft. Andererseits ist es nicht unnützlich, auf das Urteil hinzuweisen, das Ag. Boeckch ²) ausspricht, indem er sagt:«Wenn man lieset, welchen Nachdruck Männer wie Sokrates und Xenophon auf Orakel, Opferzeichen, Träume und dgl. legen, so wird man zaghaft, dies alles kurzweg als Aberglauben zu verdammen; denn wenn es Irrtum enthält und oft dazu führen mußte, so regte es doch andere Male den Geist auf zu Gedanken und Handlungen, die ohne solche Reizmittel vielleicht nicht hervorgegangen und vollführt wären.»

Kap. 100 liefert, abgesehen von seiner sonstigen Bedeutung, K. 100. einen interessanten Beitrag zum Verständnis athenischer Macht- erweiterung. Das älteste Beispiel der Kleruchie wird uns hier mit- geteilt. Naheliegend ist ein Vergleich mit der römischen Sitte der Aussendung von Kolonien.

In Kap. 102 ist Hippias als gehässigster und boshaftester Gegner k. 10². der Athener im besten Thun begriffen. Er ist es, der den Feind auf die schwachen Seiten der Griechen aufmerksam macht und die empfindlichsten Stellen berührt. Dahin gehört der gänzliche Mangel an Reiterei auf griechischer Seite. Gerade darum führt Hippias die Perser auf das Fenchelfeld(7y 6 Mapadν εderaroy

¹) Vgl. Rentzsch, Herodots Stellung zum alten Mythus. Progr. Dresden 1892, S. 22 fl.

²) A. a. O., S. 36. UÜber die Erkundung der Zukunft bei den Griechen hat von den Neueren wohl am unbefangensten und geistreichsten gehandelt: Jalob Burckhardt, Griech. Kulturgeschichte, II. S. 273 ffl. Unter den von Herodot mitgeteilten Träumen ist derjenige der Tochter des Polykrates (III, 124) der psychologisch merkwürdigste.

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