Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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verteidigen sich hinter festen Stadtmauern, erliegen aber der Über- macht(Karystos); wieder andere fallen dem Verrat zum Opfer (Eretria).

Die Verräterei begleitet überhaupt wie ein düsterer Schatten den Gang der griechischen Geschichte. Wo Wunderthaten des Heldentums und der Tapferkeit geschehen, selbst da zeigt sich der finstere Abgrund, der schließlich alle Helden verschlingt. Leonidas und Ephialtes bilden den Höhepunkt dieser gegensätzlichen Er- scheinung. Mit Rom hält Griechenland in dieser Beziehung den Vergleich nicht aus. Kein Volk der Erde hat so wenig Verräter aufzuweisen wie die Römer.

Seltsamerweise erfährt die Insel Delos(Kap. 97) eine sehr schonende Behandlung. Sogar eine hochfeierliche Huldigung wird ihren Göttern dargebracht. Curtius ¹) meint,«alle Welt solle sehen, daß es dem Perserkönig nicht in den Sinn komme, die hellenischen Nationalgötter ihrer Ehre zu berauben». Dem widerspricht schon die Behandlung von Naxos. Denn dort führen die Perser nicht nur alle, deren sie habhaft werden können, in die Sklaverei, son- dern verbrennen auch die Stadt, die Tempel nehmen sie nicht aus (Eyérονν xνα τ â, Kap. 96). Der wahre Grund ist unseres Er- achtens anderswo zu suchen. Wie bekanntlich Apollo mit der Sonne in Verbindung tritt als Phöbus Apollo, so wird die Artemis mit dem Monde als Phöbe verschmolzen. Personifikationen dieser Natur-

mächte sind sie. Das wird auch dem Datis nicht unbekannt

gewesen sein. Sonne und Mond zu verehren ist aber den Persern heiliges Gesetz. So verrichtet später(VII, 54) Xerxes am Tage des UÜbergangs über den Hellespont sein Morgengebet zur Sonne. Er bittet sie, sie möge ihn vor jedem Unfall bewahren(sb*ero T rS? TXtoy, g.dsiaν ot vOIin 7svat). Im Khorda-Avesta ²) lauten beispielsweise zwei Stellen folgendermaßen: Ich preise die Freundschaft, die unter den Freundschaften die beste ist, zwischen Mond und Sonne. Wegen ihres Glanzes, wegen ihrer Majestät will ich ihr opfern mit hörbarem Preise. Die Sonne, die unsterbliche, glänzende, mit schnellen Pferden begable, preisen wir. ich will preisen den Mond, den glänzenden, majestätischen, den mit Wasser, mit Hitze ver- sehenen, den strahlenden, den unterstützenden, friedfertigen, starhken, nulzbringenden, der das Grüne hervorbringt, die Güter hervorbringt, den heilbringenden Genius.» In allgemein menschlicher Beziehung sind diese Stellen für den Schüler ebenfalls lehrreich. Er sieht auch hier, an diesen Proben aus dem für ihn doch sehr entlegenen Gebiet der heiligen Schriften der Perser, daß sich jedawede Erhebung des Gemütes zur Gottheit, deren Allmacht anerkannt wird, gewöhnlich in ebenso ge-

¹) Griech. Gesch. II, S. 12. ²) Spiegel, Avesta, die heiligen Schriften der Parsen, III, S. 61 ff.