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Der erste Teil von Kap. 94 liefert uns in wenigen Worten über K. 94. die Stimmung am persischen Hofe ein deutliches Bild. Die Hetzereien der Pisistratiden verleihen ihm ein ganz besonderes Ge- präge.(Vgl. aus der römischen Geschichte die angeblichen Ver- suche des Tarquinius Superbus, den Thron wieder zu gewinnen; ebenso das Verhalten des Cn. Marcius an der Spitze der Volsker.) Mit besonderem Nachdruck weisen wir darauf hin, daß es Hippias nicht verschmäht, Griechenland den Launen des grausamsten Des- poten und der Verwüstung der barbarischen Horden preiszu- geben. Er leistet die Dienste eines Henkersknechtes gegen die eigene, unschuldige Mutter. Wir erkennen lebhaft die unversöhn- liche Erbitterung in dem Gemüte des Hippias, die einen bodenlosen Haß und eine geradezu teuflische Bosheit gegen sein Vaterland ge- zeitigt hat. Er hat kein Erbarmen mit dem Los seines Vater- landes, wenn er nicht selbst im Besitze der Macht ist; er kennt kein Mitleid mit der Kultur seines Volkes, wenn sie nicht sein Lob singt; er hat keine Ehrfurcht vor den Göttern, deren Tempel und Altäre er der Verhöhnung aussetzt.«Daß er unsägliches Un- heil über sein Vaterland bringe, daß er nicht nur Attika, sondern auch ganz Hellas den Persern opfere, hatte ihn bis dahin nicht geirrt. Es irrte ihn nun auch wohl nicht, daß bald Völker des fernen Ostens, Perser, Meder und Saken, auf dem Boden Attikas Fuß fassen, daß 150 000 beutegierige Fremdlinge, die Arier des Heeres und die Semiten der Flotte, bereit waren, sich auf Athen zu stürzen»(Duncker). Sein durchaus despotischer Sinn hat sich entdeckt, der Gleiche ist zum Gleichen gegangen.
Weitere Beiträge zu diesem Charakterbild liefert Kap. 107. Hip-KX 107. pias giebt dem merkwürdigen Traum, den er gehabt, zwar eine günstige Deutung, daß aber wirkliche Zuversicht in seinem vom bösen Ge- wissen beunruhigten Gemüte nicht aufkommen kann, beweist der im zweiten Teil des Kapitels berichtete Umstand. Wir sehen dort, daß er in den natürlichsten Vorgängen Vorzeichen schlimmster Art erblickt.
Indem der Schüler in die Verurteilung einer solchen Persön- lichkeit und ihrer Handlungsweise aus ganzer Seele miteinstimmt, wird seine Charakterbildung, hier besonders auf dem Gebiete des Pflichtgefühls gegen das Vaterland, in ebenso einfacher wie wirkungs- voller Weise gefördert. Die Freude am Guten äußert sich als tief- empfundener Abscheu vor dem Schlechten, das sich der Wahrnehmung darbietet, und ist in dieser Form oft nützlicher und heilsamer.
Das Verhalten und das Schicksal der Inselbewohner beim.1. Herannahen der persischen Flotte ist sehr verschieden. Die einen wandern einfach aus(Delos); die andern retten sich ins Gebirge (Naxos) und ertragen in stummer Ergebung die Plünderung und Verwüstung ihres Gebietes samt den sonstigen Drangsalen; andere
Helm, Herodotlektüre. 2


