Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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rettender Engel erscheint in dem Augenblick, wo er der heftigen Versuchung nicht ohne innere Schwäche gegenüber steht, verleiht dem ganzen Bilde einen zarten und rührenden Zug. Kleomenes sitzt nach unserer Vorstellung überrascht und nachdenklich da. Er ist sich seiner Verantwortlichkeit bewußt; er verkennt nicht die Be- deutung des Augenblicks. Er blickt bald staunend auf die in Erz gegrabene Weltkarte, pald sieht er den ihm gegenüberstehenden hochaufgerichteten Aristagoras an, der, den Zeigefinger der einen Hand auf der vor ihm liegenden Tafel, die andere Hand hoch erhoben, in feuriger Beredsamkeit seine Pläne entwickelt. ¹) Auf die Auswahl seiner Gründe versteht sich der Jonier vorzüglich. Sie lauten: Der gegenwärtige Zustand ist unhaltbar und unwürdig. Die europäischen Griechen sind freie Leute, die kleinasiatischen sind Knechte. Das ist eine Schande für beide Teile. Die Spartaner müssen helfen, denn sie sind Stammesgenossen. Sie können helfen, denn sie haben die Macht dazu. Einmal die größere Tapferkeit, sodann die bessere Bewaffnung. Umsonst wird nichts verlangt. Als Lohn winkt die Ehre und die Herrschaft über Asiens reiche Länder.

Die auftretenden Persönlichkeiten sind sehr ausgeprägter Natur und erregen die jugendliche Teilnahme in hohem Maße. Der binnen- ländische, biedere und tapfere Spartaner, aufgewachsen in einem Staate, der freie persönliche Entwickelung und Gebahrung am wenigsten gestattet, kann seine Bedenken nicht überwinden(9 éstvs Mseis, A‿αααοεο ε Lr]i e droe ioo). Er ist wortkarg, in philosophischer Ruhe verachtet er Geld und Gut und ist nur auf die Wahrung seiner militärischen Ehre bedacht. Und weil er einen beschränkten Gesichtskreis hat, will er von Weltpolitik nichts wissen, sondern flieht den Aristagoras wie eine sittliche Versuchung, den Aristagoras, dessen weltmännischer Blick sofort auffällt, dessen Rede sprudelnd und verfänglich ist, dem List und Schlauheit zur

¹) Wem treten hier nicht bekannte Bilder aus der Weltgeschichte vor die Seele, Situationen darstellend, in denen ebenfalls eine geographische Karte den Mittelpunkt bildet? Erinnert sei an die«Kapitulations-Verhandlungen vor Sedanꝰ von A. v. Werner, an Bismarck in Versailles» von Kar!l Wagner, ferner an die volkstümlichen bildlichen Darstellungen aus den deutschen Befreiungskriegen, besonders an das Bild, zu dem die Verse passen: Wo steht der Feind? Der Feind?..... Dahier! Den Finger drauf, den schlagen wir! Wo liegt Paris? Paris? Dahier! Den Finger drauf, das nehmen wir!) Auch der Kriegsrat 1809» von Defregger paßt hierher. Andreas Hofer, umgeben von den Patrioten, erläutert seine Entwürfe auf einer geographischen Karte. Am besten läßt sich aber zum Vergleich heranziehen das bekannte Bild von Brozik(das Original im Newyorker Metropolitanmuseum befindlich), das Christoph Kolumbus zum Gegenstand hat, wie er unter Hinweis auf eine über den Tisch ausgebreitete Karte vor der Königin Isabella und dem versammelten Hof für sein Unternehmen Teilnahme zu erwecken sucht.