Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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Grund liegt offenbar in der eigentümlichen Beschaffenheit des Materials.

Livius tritt also in seinem Vorwort ungleich mehr aus sich heraus. Dies mag dem Schüler die zutreffende Vermutung nahe legen, ob nicht Herodot überhaupt in seiner ganzen Geschichts- darstellung eine größere Objektiviteäit beobachtet habe als Livius. Auch der einfache und schmuchlose Satzbau des Herodot, wie er sich schon in den wenigen Worten der Einleitung zeigt, sticht gegen den kunstvollen Periodenbau des Römers auffallend ab.

So charakterisiert schon die Einleitung zu einem Geschichts- werk bis zu einem gewissen Grade den Schriftsteller selbst. Es ist also eine heilsame Neugierde, wenn der strebsamere Schüler auch erfahren will, mit welchen einleitenden Worten der Tater der Geschichte»(Cic. de legg. I, 1) sein großes Geschichts- und Völker- bild begleitet.

Mit den Worten νε ⁷τν miri⁵ droXSGa AAAnNOLeL»(Kap. 1) kündigt Herodot an, daß er auch die Ursachen der wechselseitigen Kriege angeben will. Er thut dies im ausgiebigsten Maße. Er geht bis zu den mythischen Beziehungen der Griechen zu Kleinasien zurück. Als das erste geschichtliche Ereignis erscheint ihm die Unterwerfung der jonischen Griechen durch die Lydier. Doch wir sehen nicht ein, daß die Kenntnisnahme einer ausführlichen Dar- legung der lydischen Eroberungen eine notwendige Bedingung sei für das Verständnis der späteren Perserkriege. Aufschluß über die Gründe des gewaltigen Waffenganges zwischen Europa und Asien wollen wir aus der Herodotlektüre allerdings schöpfen, aber bis zu jenen Zeiten brauchen wir uns mit dem erzühlungslustigen Manne nicht zu verlieren.

Wir gehen überhaupt an den ersten Büchern, über deren In- halt wir in kurzen Umrissen ein Bild entwerfen, zundchst ¹) vorüber, doch nicht, ohne darauf hingewiesen zu haben, daß gar manche von Herodots Angaben, die wunderlich und unglaublich schien, durch die neuere Forschung der Reisenden vollauf bestätigt, daß in vielen anderen Fällen wenigstens ein wahrer Kern entdeckt worden ist. ²)

Herodot hat sich offenbar im Orient ganz eingewohnt, so treu und richtig hat er das ganze orientalische Wesen aufgefaßt. Unter allen griechischen Schriftstellern näherte sich auch seine Geistes- richtung und Schreibart dem Orientalischen am meisten. Deswegen

¹) Vgl. S. 5.

²) Vgl. A. Wiedemann, Herodots zweites Buch mit sachlichen Er- läuterungen», Leipzig, Teubner, 1890, S. 37 ff., wo die diesbezügliche Litteratur angegeben ist. Noch mehr und Neueres siehe bei Maspero, Histoire ancienne de l'Orient, Paris 1895.