Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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denen Geschichtsperiode versenkten, wenn auch ihre Begeisterung weniger einzelnen nationalen Großthaten, als vielmehr den Lebens- formen des Mittelalters überhaupt galt.)

Sein kritisches Gewissen nimmt Herodot ebenfalls nicht den Gleichmut, so wenig wir das für Livius zutreffend finden. Herodot hat ja den besten Willen,«alles zu erzühlen, was berichtet wird' (VII, 152), und nichts liegt ihm ferner, als die Thatsachen sich nach einem bestimmten Gesichtspunkt in tendenziöser Weise zu- rechtzulegen.

UÜbrigens kann nicht geleugnet werden, daß die Stellung des Herodot in dieser Beziehung schwieriger war als die des Livius. Letzterem war Rom Alles und konnte es sein. Denn Rom allein hat das Verdienst, den fremden Eindringling aus Italien verdrängt zu haben. Bei der Darstellung der griechischen Freiheitskämpfe da- gegen stellte eine gerechte Würdigung schon der Leistungen Athens einerseits und Spartas andererseits an die Urteilskraft und das Ge- rechtigkeitsgefühl des Schriftstellers ungleich höhere Anforderungen. «Die steigende Spannung der beiden hellenischen Großmächte, welche die letzten Jahre vor dem Ausbruch des peloponnesischen Krieges beständig zunahm, machte die Aufgabe des Geschicht- schreibers, wie Herodot sie festhielt, unendlich viel schwieriger.» ¹)

Auch war bei einem so phantasievollen Volke, für das die Hellenen mit Recht gelten, der Geist der Sage viel stärker und fruchtbarer als bei den Römern. Die Verbindung von Wahrheit und Dichtung war selbst für die spätere historische Zeit eine häufige Erscheinung. Mächtig war die Lust am Anhören von Er- zühlungen, die wie epische Dichtungen zur ergötzlichen Unterhaltung vorgetragen wurden, lebhaft die Phantasie, die aus einfachen Motiven vielverschlungene Sagengebilde hervorzauberte, schon um etwaige Lücken der Überlieferung auszufüllen.(Bei den Römern hatte das Bestreben, die Lücken der Überlieferung auszufüllen, meist gleich- zeitig eine klar zu Tage tretende individuelle Richtung; vgl. die Kneassage.) Die Achtung vor der geschichtlichen Treue und Wahr- heit war wie überall in der Kindheit eines Volkstums auch bei den Griechen bis jetzt noch gering und wenig entwickelt. Aber ihre Entwichlungsfähigkeit sollte bereits durch Herodot nach- gewiesen werden. ²)

Auch darin finden wir einen bemerkenswerten Unterschied, daß sich Livius schon in der Einleitung über sein Terhältnis zur Uberlieferung ausspricht, wührend Herodot dies erst später thut, mehr gelegentlich an zerstreuten Stellen seines Werkes. Der

¹) Nitzsch, Über Herodots Quellen für die Geschichte der Perserkriege im Rhein. Mus., 1872, 27, S. 266.

2) Vgl. Wecklein, Vber die Tradition der Perserkriege, in den Sitzungs- ber. der k. b. Akademie der Wissensch. zu München, 1876, S. 241 ff.