— 9—
weiß ¹), ganz abgesehen davon, daß die Bedeutsamkeit des Stoffes, den er sich wählte, alles Dagewesene in Schatten stellt. Griechen- land befand sich eben in aufsteigender Linie, dagegen war im damaligen Rom die ganze litterarische Produktion schon mehr modern und fachmäßig.
Auch der zeitliche und inhaltliche Umfang des behandelten Materials giebt dem Herodot, im Gegensatz zu Livius, keine Ver- anlassung zur Außerung von Klage und Sorge. Denn was er auf sechs Reisen zu Wasser und zu Tand in drei Erdteilen kennen gelernt hat— Livius hingegen war lediglich Stubengelehrter— beherrscht er dermaßen, daß er im Vertrauen auf die gewonnene eigene Anschauung und auf die über Gegenwart und Vergangen- heit gemachten Aufzeichnungen seines Erfolges im voraus sicher ist. Das wichtigste politische Ereignis aber, der Freiheitskampf gegen die Perser, liegt zeitlich nicht so weit hinter ihm, wie für Livius der Freiheitskampf der Römer gegen die Punier, sodaß ihm eine noch frische, reich vertretene mündliche Überlieferung zur Seite steht.
Herodot braucht auch nicht wie Livius zu befürchten, den Geschmack der Zeit nicht zu treffen, widmet er doch seine Muße der Darstellung von Ereignissen, die den Stolz der Nation bilden. Sehr viele von denen, die die große Zeit miterlebt haben, sind noch am Leben; alles freut sich, daß die mannigfaltige mündliche Uberlieferung auch einmal schriftstellerisch behandelt und festgelegt wird. Gerade damals war es ja für die Griechen eine Lust zu leben. Die politische Freiheit war gegen die Angriffe des asiatischen Despo- tismus gesichert, und die griechische Kultur entwickelte sich rasch zur vollen Blüte.
Freilich hielt der ungestörte Genuß nicht lange an. Der politische Himmel Griechenlands verdüsterte sich immer mehr, und die gespannten Beziehungen zwischen Athen und Sparta, die das Schlimmste befürchten ließen, mögen wohl die reine Stimmung oft getrübt haben. Insofern wird es allerdings auch für Herodot, wie es bei Livius noch mehr der Fall war(ut me a conspectu malorum, quae nostra tot per annos vidit aetas, tantisper certe, dum prisca tota illa mente repeto, avertam), manchmal Bedürfnis gewesen sein, aus der unerfreulichen Gegenwart sich in die Herr- lichkeit der großen Vergangenheit zu flüchten.(Eine verwandte Erscheinung findet sich bei den deutschen Romantikern, die sich in ihren Dichtungen ebenfalls aus Mißmut über die politischen Verhältnisse der Zeit in die Herrlichkeiten einer längst entschwun-
¹) Vgl. darüber das immer noch sehr lesenswerte Buch von Friedrich Creuzer, Die historische Kunst der Griechen in ihrer Entstehung und Fort- bildung», zweite Ausgabe von Julius Kayser, Gymnasiallehrer in Darmstadt, Leipzig und Darmstadt, Verlag von Leske, 1845, S. 106 ff.


