Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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strebungen die griechische Geschichte und davon der Freiheits- kampf im Mittelpunkt des Interesses. Indessen wollen wir sehen, inwieweit wenigstens die den

Schriftsteller angehenden Betrachtungen, die Livius in seiner Ein- leitung anstellt, auch auf Herodot passen. Die zu dieser Beur- teilung notwendigen geschichtlichen Kenntnisse werden aus dem Unterricht der Untersekunda vorhanden sein; das übrige soll teils das Nachdenken der Schüler selbst finden, teils die Mitteilung des Lehrers ersetzen. So wird der Schüler auf diesem mehr praktischen Weg durch Anknüpfung an bereits Bekanntes mit der Persönlich- keit des Schriftstellers in einem Maße bekannt gemacht, das vor- läufig zur allgemeinen Einführung genügt.

Livius betont nachdrücklich den Nutzen des Studiums der Ge- schichte, die er für die Lehrmeisterin der Völker und Staaten hält. Lebhaft wünscht er, daß sich die Römer ein Muster an der Vor- zeit nehmen sollen. Die Helden und Tugenden der früheren Ge- schlechter bringt er in scharfe Beziehung zu seiner nicht mehr ebenbürtigen Zeit.

Herodot thut dies nicht, vermutlich weil er es für etwas durch- aus Selbstverständliches hält, daß sich der Mensch an der Geschichte erbauen soll. Hat doch seine ganze Geschichtsbeschreibung eine moralisierende Richtung. Ja, sie kann in vielen Teilen als eine förmliche Laienpredigt aufgefaßt werden.

Nächst dem sittlichen Zweck stellt Livius schon in der Vorrede den ästhetischen in den Vordergrund. Auf geschmackvolle und fesselnde Darstellung will er offenbar den größten Wert legen. Herodot dagegen ist sich in dieser Beziehung einer bestimmten Absicht viel weniger bewußt. Er trifft den anheimelnden Ton der naiven Erzählungsweise, auch ohne ihn besonders anstreben zu müssen. Dafür ist er eben eine«dußerst naive und epische Natur». ¹)

Bei Herodot finden wir kein Bekenntnis der Schwierigkeit seiner Aufgabe wie bei Livius. Vor Mitbewerbern(scriptorum turba bei Livius) braucht es ihm nicht Angst zu sein. Ist er sich doch seiner Uberlegenheit über die Logographen bewußt durch den großen von ihm erzielten Fortschritt, der darin besteht, daß er seinem Geschichtswerk einmal einen Künstlerisch einheitlichen Aufbau zu verleihen und dann eine sittlich-religiöse Idee zu Grunde zu legen

¹) In gewissem Sinne abweichend ist die Ansicht Boeckhs in Anti- quarische Briefen, Leipzig 1851, S. 55:«Herodot ist allerdings eine äußerst naive und epische Natur; aber die Griechen haben überall die Natur mit der Kunst verbunden, und die naiven Naturen pflegen sich sehr bald ihrer Naivetät bewußt zu werden und bilden sie mit Bewußtsein aus. Ich erkläre die herodotische Naivetät für eine bewußte. Darum ist sie aber noch nicht eine gemachte, sondern sie ist künstlerisch ausgebildete Natur.) UÜber etwaige Beeinflussung Herodots durch die sophistische Stilkunst vgl. K. Norden, Die antike Kunstprosa, Leipzig, Teubner, 1898, I, S. 39.