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Zum Schlusse sei mir daher gestattet, selbst noch eine mögliche Abweichung zu erwühnen. Ich betonte mehrfach, daß es nicht darauf ankommt, eine bestimmte Reihen- folge bei der ersten Behandlung einzuhalten, daß sie nur nachträglich bei der Zusammen- fassung hergestellt werden muß. Deshalb ließe es sich wohl denken, daß man das Nibelungenlied in Obersekunda und Walter von der Vogelweide in Unterprima, und zwar in der zweiten Hälfte, bespräche. Das böte den Vorteil, daß das Alter der Schüler der Liebeslyrik angemessener wäre, die gleichzeitige geschichtliche Behandlung der Hohenstaufenzeit die Interpretation wesentlich erleichterte, umgekehrt der deutsche Unterricht dem geschichtlichen zu gute käme, und, was mir am wesentlichsten erscheint, das Mittelhochdeutsche noch ein zweites Mal getrieben würde. Alles Sprachliche könnte jetzt, nachdem man über Luther und die Entwicklung der neuhochdeutschen Schrift- sprache gesprochen hat, noch einmal unter höheren Gesichtspunkten behandelt werden, und auch der schwierigste Teil der Literaturgeschichte würde noch einmal wiederholt.
Schließlich noch einige Bemerkungen über meinen Abriß der Literaturgeschichte und die Art seiner Benutzung durch den Schüler. Bei der Auswahl habe ich mich bemüht, alles zu bringen, was für den historischen Zusammenhang wichtig ist. Da muß viel von auswärtigen Einflüssen die Rede sein, und auch die stillen Zeiten der Literatur- geschichte müssen in ihren Haupterscheinungen wenigstens erwähnt werden. Um Luther, Opitz, Klopstock und Lessing in das rechte Licht zu setzen, ist manches erforderlich, was längst kein Mensch mehr liest, was der Schüler auch nicht dauernd behalten soll, ihm aber wenigstens einmal vorgeführt werden muß. Andererseits mußte im Rahmen des großen Ganzen manches wieder kurz behandelt werden, was im Unterricht einen breiteren Raum einnimmt und auch mehr für die Dauer behalten werden soll, z. B. die Biographien von Goethe und Schiller. Im übrigen ist darauf Wert gelegt worden, daß der Schüler alles in seinem richtigen Zusammenhange findet, was ihm irgendwo im Unterricht(nicht bloß im Deutschen) entgegentritt. Daß dies für die ganz moderne Literatur und schon für das 19. Jahrhundert überhaupt nicht durchzuführen ist, brauche ich nicht zu betonen. Aus der Tatsache, daß ein Werk, das der Schüler liest, sich nicht in dem Kanon findet oder ein Dichter nicht darin erwähnt ist, kann er schließen, daß es vom literarhistorischen Gesichtspunkte jedenfalls nicht zu den Haupterscheinungen gehört. Das ist der einzige Fall, wo der Verfasser mit seinem Urteil hervortritt, durch Verschweigen, sonst habe ich mich bemüht, nur objektiv zusammenzustellen. Bevor das Heftchen der éffentlichkeit übergeben wird, kann, wie gesagt, natürlich noch manches geändert werden, und ich würde für jede Beihilfe dazu dankbar sein.
Die Frage der Benutzung durch den Schüler ist damit schon im wesentlichen erledigt: er soll für die Wiederholung des in der Stunde Vorgetragenen das Material finden, soll es wiederfinden, wenn nach Unterbrechungen an Früheres angeknüpft wird, er soll aber auch selbständig Werke und Dichter, die er kennen lernt im Zusammen- hange vorfinden und solche, die er vorfindet, kennen zu lernen wünschen.
Nicht dagegen soll er Abschnitt für Abschnitt auswendig lernen. Denn das Ganze soll dazu dienen, Interesse für Literatur zu erwecken und die Beschäftigung mit ihr zu erleichtern, nicht zu verleiden.


