Aufsatz 
Ein Beitrag zur Behandlung der deutschen Literaturgeschichte in den höheren Schulen / von Carl Heinze
Entstehung
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einiger Stellen berichten, oder nach Litzmanns vorzüglicher Reklam-Ausgabe das Leben und Wirken Günthers erzählen und einige geeignete Proben vortragen. Damit wird zunächst erreicht, daß einige Schüler etwas mehr von der Literatur kennen lernen, als in der Klasse behandelt werden kann, außerdem aber hört diese naturgemäß einem Vortrage ihres Mitschülers, an dem sie zur Kritik aufgefordert wird, aufmerksam zu. Ich halte es nicht für einen Raub, wenn einem Schüler eine derartige Extraleistung, bei der das Freiwillige betont werden muß, als Hausaufsatz angerechnet wird.

Für die Zeit unserer Klassiker würden nun in erster Linie Referate über solche Werke in Betracht kommen, die nicht eingehend behandelt werden können, wie Clavigo, Stella, Wilhelm Meister, oder nach guten Ausgaben mit biographischen Einleitungen Vorträge über Gellert, Bürger u. a., wobéei immer zu verlangen ist, daß der betreffende Schüler eine Anzahl der Werke gelesen hat und geeignete Proben selbst auswählt. In derselben Weise können auch Vorträge über ganze Gruppen wie Göttinger Hain, Sturm und Drang veranstaltet werden. Der Lehrer gibt vorher Anleitung und besorgt event. die Literatur, nachher wird der Vortrag unter Beteiligung der Klasse besprochen, das Wichtigste zusammengestellt und wie alles Vorgetragene in der nächsten Stunde wieder- holt, an geeigneten Stellen werden größere Abschnitte zusammengefaßt. Dies kann ruhig neben der eigentlichen Klassenlektüre, z. B. von Lessings Laokoon, hergehen, was ja von Aufsatzlehre, Vorbereitung und Besprechung der Aufsätze auch verlangt werden muß.

Über die Verteilung der Behandlung von Goethe und Schiller und der neueren Literaturgeschichte sind die Ansichten sehr verschieden; ich möchte unsere beiden großen Dichter in den Mittelpunkt des Unterrichtes der Oberprima stellen und die Behandlung der neueren Literatur ausschließlich auf die daneben hergehenden Schülervorträge stützen. Am Anfange des Jahres wird ein Verzeichnis der zur Behandlung in Vorträgen geeigneten Dichter der Klasse vorgelegt, jeder sucht sich ein Werk, einen Dichter, eine Gruppe oder eine Richtung aus,(darf natürlich auch nach eigener Wahl einen im Verzeichnis nicht enthaltenen Lieblingsdichter hinzufügen) und die Vorträge werden in der literar- historischen Reihenfolge gehalten, wobei der Lehrer das Fehlende hinzufügt und sonst verfährt wie bei der Klassikerzeit. Das ist ein Weg; andere mögen Schiller schon in Unterprima mit erledigen und die gewonnene Zeit zur ausführlichen Behandlung moderner Sachen verwenden, wieder andere selbst etwa im letzten Vierteljahr einen fort- laufenden Zyklus von Vorträgen über die neueste Literatur halten und in der nächsten Stunde das Gelehrte wie Geschichte wiederholen.*) Die denkbar größte Freiheit für den Lehrer ist Erfordernis gerade für den deutschen Unterricht, und die Lehrpläne gewähr- leisten sie im weitesten Umfange. Auf keinen Fall sollte sie durch Speziallehrpläne einzelner Anstalten aus Gründen der Gleichmäßigkeit wieder beschränkt werden.

Deshalb wolle man auch ja diesen Vorschlag für einen Gang durch die deutsche Literatur als nichts anderes nehmen, denn als Antwort auf die von mir gestellte Frage: Wie kann man auf Grund der in den Lehrplänen gestellten Anforderungen einen Gang durch die gesamte deutsche Literatur mit den Schülern der drei oberen Klassen unter- nehmen?

*) Der Vorschlag von Albrecht(Lehrpr. u. Lehrg. 62, 26) scheint mir zu große Anforderungen an die häusliche Vorbereitung der Schüler zu stellen.