Aufsatz 
Ein Beitrag zur Behandlung der deutschen Literaturgeschichte in den höheren Schulen / von Carl Heinze
Entstehung
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fahren. Ist ein zusammenhängender Abschnitt in der Weise besprochen worden, so kann für die Wiederholung des Materials auf den Kanon verwiesen werden. Doch halte ich es für wichtig, daß ein Auswendiglernen nicht verlangt wird. Benutzen wir doch einmal den unschätzbaren Vorteil, daß es sich hier um etwas handelt, was im Abiturienten- examen nicht geprüft wird. Wenn der Schüler, der sich nicht dafür interessiert, einfach als Banause beiseite gelassen wird, aber doch immer wieder von diesen Dingen hören muß, so behält er schließlich doch etwas. Damit soll nicht gesagt sein, daß man nicht doch zur Anspornung Aufsätze und kleine Ausarbeitungen diesen Gebieten entnehmen kann.

Nachdem die mittelhochdeutsche Lektüre beendet und dabei immer wieder das Wichtigste zusammengestellt und wiederholt worden ist, gibt man eine kurze Ubersicht über das ausgehende Mittelalter und die für die Entwickelung der Schriftsprache außer- ordentlich wichtige UÜbergangszeit und nimmt dann für den Rest des Jahres von der Literaturgeschichte Abschied.

Es schadet durchaus nichts, wenn daneben in Obersekunda eine Reihe anderer Literaturwerke behandelt wird; im Gegenteil, ich halte es für sehr wertvoll, mitten in die mittelhochdeutsche Lektüre einmal die Behandlung eines Schillerschen oder Goetheschen Gedichtes einzuschalten, zum Zwecke eines Aufsatzes oder auch ohne einen solchen eine Gruppe von neueren Gedichten zu besprechen, oder gar zwischen Nibelungen- lied und Walter ein ganzes Drama oder sonst etwas für die Stufe Geeignetes, wie Hermann und Dorothea, zu lesen. Sicherlich werden nach Beendigung der mittelhoch- deutschen Lektüre, die je nach Geschmack von Lehrer und Schülern ½ bis ¼¾ Jahr dauern wird, noch mehrere größere Werke von Goethe, Schiller, vielleicht auch eins von Shakespeare Platz finden.

In Prima wird zur Überleitung auf Luther das Sprachliche wiederholt werden müssen, eine kurze Wiederholung der Literaturgeschichte schließt sich an, wobei die auch kulturhistorisch wichtigen Erscheinungen der UÜbergangszeit noch einmal zusammen- gestellt werden. Für sehr wichtig halte ich es, einige, auch polemische Schriften Luthers zu lesen. Während der Lektüre kann alles das gebracht werden, was für das 16. Jahr- hundert wichtig ist und nicht in Proben mitgeteilt wird, die sich mit Recht nur auf die wichtigsten Schriftsteller beschränken. Zu diesen sind sicherlich Hutten, Murner, Fischart, Hans Sachs zu rechnen, und an ihre Biographie und die Proben aus ihren Werken schließt sich alles andere leicht an. Ebenso läßt es sich mit dem 17. Jahrhundert einrichten, bis, und zwar wiederum je nach Gefallen in ¼ bis ½ Jahre, wiederum mit Einschiebung einzelner Gedichte und Gedichtgruppen oder gar größerer Werke(z B. von Lessing) die Zeit Klopstocks und Lessings, entsprechend vorbereitet durch eine Ubersicht über ihre Vorgänger, erreicht ist. Ist man nach der ersten Hälfte der Unterprima soweit gekommen, so hat man jetzt Bedacht auf Zeitersparnis zu nehmen, um alles zu erledigen, was die Lehrpläne fordern. Als wirksames Mittel zur Unterstützung des Unterrichtes denke ich mir im kleineren Maßstabe schon in Sekunda, im größeren aber in Prima die Schülervorträge. In Sekunda werden diese in kurzen Referaten bestehen, die bestimmten Schülern von einer zur andern Stunde aufgegeben werden, etwa über die früher gelernten deutschen Heldensagen, über den Inhalt eines Epos oder das Leben eines Dichters nach einer guten Literaturgeschichte. In Prima dagegen beginnen selbständigere Arbeiten: ein Primaner kann Grimmelshausens Simplizissimus durchlesen und darüber mit Auswahl