5 herrlichste unseres deutschen Volkstums überhaupt, und daß man sich deshalb gar nicht tief genug hinein vertiefen kann. Man wird einwenden, man könne in unserer Zeit kein Interesse mehr fordern für alte Pergamente und Dichtwerke, die längst nicht mehr lebendig sind. Aber das heißt das Interesse am Historischen überhaupt verkennen. Mit den alten Pergamenten hängen zusammen die Bibliotheken, die Universitäten, die Kultur- zentren und ihre Tätigkeit überhaupt, mit den lüngst toten Literaturwerken Strömungen in Kunst und Mode u. dgl m., und für all das wird sich bei ebensoviel Schülern Interesse finden wie für die Feinheiten der Pariser Aussprache, die Stadtteile von London oder die Einrichtung einer Tangentenbussole; was man im späteren Leben häufiger anwenden kann, läßt sich doch nicht vorausbestimmen.
Der Gang des literaturgeschichtlichen Unterrichtes muß sich natürlich an die Behandlung der in den Lehrplänen vorgeschriebenen Denkmäler anschließen. Die Bestimmungen darüber aber sind so weitgehend und so weitherzig abgefaßt, daß dabei eine methodische Behandlung der Literaturgeschichte durchaus möglich ist. Dies mag die folgende Skizze zeigen. Dabei möchte ich ausdrücklich bemerken, daß ich mir bewußt bin, damit nichts wesentlich Neues zu bringen, es aber doch für wertvoll halte, wenn das, was vielleicht schon vielfach in Ubung ist, bei dieser Gelegenheit einmal zusammen- gestellt und festgelegt wird. Die zahlreichen Angriffe gerade gegen diesen Punkt des deutschen Unterrichtes zeigen doch, daß ihm nicht überall der gleiche Wert beigelegt wird.
Als erster Gegenstand der Lektüre in den oberen Klassen wird genannt: Aus- gewühlte Abschnitte aus dem Nibelungenliede. Ich glaube, man kann die Auswahl recht reichlich treffen und dabei darauf sehen, daß das Kunstwerk als Ganzes gewürdigt werden kann. Zur Einführung in die Sprache wird in den ersten Stunden eine allgemeine Betrachtung über die indogermanischen Völker und ihre Sprachen— die sich mit der gleichzeitigen Behandlung der ältesten Geschichte in der Klasse berührt— vorausgehen, wobei man naturgemäß den germanischen Zweig etwas genauer betrachtet. Das Vaterunser wird in gotischer Sprache wenigstens einmal zu Gehör gebracht, und auch eine althochdeutsche Probe— die meisten Lesebücher bringen jetzt beides— kann gegeben werden. Wenn die Lehrpläne einen Ausblick auf die großen Sagenkreise fordern, so kann wohl das Hildebrandslied als einzig erhaltenes Denkmal nicht übergangen werden. Die in meinem Kanon enthaltenen weiteren Bemerkungen über althochdeutsche Literatur schließen sich leicht an das über die Sprache Gesagte an.
Zu der ebenfalls wieder vorgeschriebenen„Anzahl von Liedern Walters von der Vogelweide“ gehört als Einleitung eine kurze Betrachtung der Volks- und Kunstlyrik vor Walter, und bei der Interpretation ergibt sich von selbst der Ausblick auf den Verfall der höfischen Lyrik nach Walter. Eine Auswahl aus der höfischen Epik soll ohnedies getroffen werden, und im Anschluß an sie läßt sich alles übrige bringen, was der Kanon von der mittelhochdeutschen Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts enthält.
Die Darbietung denke ich mir in der Weise, daß nach den Betrachtungen über die ältere Sprache und Literatur mit der Nibelungenlektüre begonnen wird. Man stelle sich mit der Klasse zunächst auf den Standpunkt Bodmers im J ahre 1759 und beginne zu lesen. Ist die Kenntnis des Mittelhochdeutschen soweit gediehen, daß die sprachliche Behandlung in den Hintergrund treten kann, so beginnen die textlichen und historischen Bemerkungen, sodann die literarhistorischen, die dem Nibelungenliede seine Stellung in der übrigen Literatur anweisen. In gleicher Weise wird mit den übrigen Proben ver-


