Aufsatz 
Kosmologischer Gottesbeweis und Kant's Kritik der reinen Vernunft / Abhandlung des Gymnasiallehrers Heinrich
Entstehung
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XX diesen Verdacht schützt ihn der sittliche Ernst, mit welchem er in seiner praktischen Vernunft das Dasein Gottes(sowie die Freiheit und Unsterblichkeit der Seele) als Postulat der sittlichen Natur des Menschen zu beweisen bestrebt ist.

Allein vergebens bemüht sich Kant, mit der praktischen Vernunft das Haus wieder aufzu- bauen, welches er bis in die Fundamente hinein durch die Kritik der reinen Vernunft für sich und seine Jünger zerstört hat. Sein Godankengang bei diesen Rekonstruktionsversuchen ist kurz folgender: 5.

Das sittliche Handeln besteht nicht darin, dass der Mensch dem Willen einer über ihm stehenden gesetzgebenden Autorität sich unterwirft, sondern der Mensch ist in Rücksicht auf die Sittlichkeit autonom; seine Vernunft ist die Quelle des Gesetzes, dessen Erfüllung sie im kategorischen Imperativ verlangt. Diesem selbstgegebenen Gesetze zu folgen aus keinem anderen Grunde, als weil es Gesetz ist, ohne Rücksicht auf irgend ein begehrenswertes Ziel(Heteronomie), das ist die wahre Sittlichkeit. Allerdings soll ein Endziel erreicht werden, nämlich das höchste Gut, welches in der Tugend und in der durch die Tugend bedingten Glückseligkeit besteht. Allein dieses höchste Gut ist nicht Beweggrund des sittlichen Handelns, es wird nur erstrebt, weil das Gesetz, die autonome Vernunft befiehlt, es hervorzubringen.

Soll aber der Mensch fähig und im Stande sein, das autonom gebietende Gesetz zu erfüllen und das autonom gebotene Ziel zu erreichen, so muss die Vernunft gewisse Wahrheiten, deren objektive Realität sie theoretisch absolut nicht beweisen kann, als praktische Voraussetzungen der Sittlichkeit postulieren, nämlich dass der Wille frei sei um unabhängig von der Natur- kausalität sich selbst bestimmen zu können, dass die Seele unsterblich fortlebe, um in unendlichem Progressus dem höchsten Gut entgegenzustreben, dass ein Gott existiere, welcher den der sittlichen Vollkommenheit des Menschen entsprechenden Grad der Glückseligkeit erkennt und zuertheilt. 4

Wir können gegen diese Kant'sche Entwickelung hier nicht im einzelnen darthun: dass nach dem allgemeinen Bewusstsein die praktische Vernunft als Erkenntnisvermögen mit der theoretischen Vernunft identisch ist und nur in der Anwendung von derselben verschieden; dass die Vernunft allerdings das natürliche Sittengesetz(lex scripta in cordibus nostris, St. Paulus, Röm.) durch eigene Kraft erkennt, aber nicht als ein von ihr selbst gegebenes, sondern als ein objektiv über ihr stehendes, welches der Mensch als, verpflichtend anerkennen muss, selbst wenn er es übertritt; dass ein vernünftiges Handeln ohne eine bewegende Zweckursache absolut unmöglich ist; dass Gott überhaupt keine Pflicht hat, die Harmonie herzustellen zwischen einer Sittlichkeit, die er nicht befohlen, und einer Glückseligkeit, die er nicht versprochen, aber wir fragen: giebt uns die kantische praktische Vernunft durch ihr Postulat eine Gewissheit, dass Gott existiert? Nein, dieses Postulat ist nicht ein Wissen, sondern nur eine dem sittlichen Bedürfnis entsprungene Annahme, ein moralischer Glaube. Die theoretische Vernunft Kant's beweist, dass Gott nur eine Idee ist, die praktische Vernunft muss, damit sittliches Handeln möglich sei, Gottes reale Existenz fordern, ohne einen Beweis für dieselbe geben zu können.

Wer also die Sittlichkeit im Kant'schen Sinne nicht will, der hat auch kein Bedürfnis, Gottes Existenz zu fordern, für den existiert Gott nicht. Und dieser Vernunftglaube, dem keine. Vernunfteinsicht vorausgeht, der deshalb auch keine vernünftige Gewissheit gewährt, soll den Menschen stark machen in dem schweren sittlichen Kampfe gegen Versuchung und Leidenschaft? er wird als ein unbegründetes Vorurteil auf die Seite geworfen werden, sobald er aunfängt,