Aufsatz 
Kosmologischer Gottesbeweis und Kant's Kritik der reinen Vernunft / Abhandlung des Gymnasiallehrers Heinrich
Entstehung
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XXIX deshalb auch nicht in die Anschauungen, in die Erfahrungen hineingetragen denn was sollte dann der Grund sein, warum wir bald diese, bald jene Kategorien anwenden?

Wie demnach das Phaenomenon das objektive Sinnenbild eines wirklichen Seins ist, so ist auch das Noumenon das objektive Verstandesbild der wirklichen Weltdinge, Weltverhältnisse, Weltgesetze.

Wir können also Erscheinung und Ding an sich nur in dem Sinne unterscheiden: Er- scheinung ist das von uns sinnlich erfasste und geistig erkannte wirkliche Ding. Das Ding an sich ist das Ding abgesehen von unserer Wahrnehmung und Erkenntnis. Erscheinung und Ding an sich sind ganz das gleiche reale Wesen. Es kann wohl Dinge an sich geben, welche(abgesehen von dem göttlichen Wissen) noch nicht Erscheinungen sind, d. h. noch nicht sinnlich oder geistig erfasst aber jede Erscheinung(in unserem Sinne) ist identisch mit einem Dinge an sich.

c) Die Vernunft wird bei der Thätigkeit des Schlussfolgerns nur geleitet durch die principia per se nota(z. B. principium rationis, seu causae sufficientis, contradictionis etc.), welche der Seele zwar nicht aktuell, aber habituell immanent sind, insofern der Verstand von Natur aus tüchtig und determinirt ist, dieselben, sobald er thätig zu werden anfängt, zu bilden und ihre absolute Wahrheit, die eines Beweises nicht bedarf und nicht aus höheren Prinzipien bewiesen werden kann, unmittelbar und zweifellos einzusehen und anzuerkennen.

Die Ideen der Seele, des Weltganzen, des allerrealsten Wesens aber sind zwar über das Gebiet der unmittelbaren Erfahrung durchaus erhaben, allein sie sind auch nicht die vor jedem Vernunft- gebrauch durch die Vernunft gegebenem Ziele, denen wir beim Schlussfolgern entgegenstreben, sondern sie werden erst durch richtiges Schliessen auf Grund der principia per se nota als evidente Resultate gewonnen und zwar nicht als inhaltsleere, realitätslose Ideen, sondern als Begriffe, deren Realität eben durch die richtige Schlussfolgerung unanfechtbar bewiesen ist.

d) Derdialektische Vernunftschluss lautet demnach:

Wenn Bedingtes als Wirklichseiendes existiert, so muss ein Unbedingtes als Wirklich- seiendes existieren.

Nun existieren bedingte, wirklichseiende Dinge.

Also existiert wirklich ein Unbedingtes.

Es ist keineswegs erforderlich,die ganze Reihe der Bedingungen in der Erfahrung zu durch- laufen(K. Fischer), es genügt die Vernunfteinsicht, dass die Reihe der Bedingungen einen Anfang genommen haben muss. Auch istdas Reich und die Kontinuität der Erfahrung nichtgrenzenlos wie Raum und Zeit, sondern endlich wie Raum und Leit.

Auf diesem Schlusse beruht allerdings als auf einem unerschütterlichen Fundamente die gesamte Metaphysik, Ontologie, auf ihm beruht auch evident der kosmologische Beweis,der zu allen Gottesbeweisen für alle Zeiten die Grundlinien zieht(Kant), denn kraft dieses Schlusses führt uns der kosmologische Beweis nicht zur blossenIdee eines notwendigen Wesens, sondern zur sicheren Erkenntnis und unzweifelhaften UÜberzeugung, dass ein notwendiges, unbedingtes Wesen als ursächliche Voraussetzung alles Bedingten und Zufälligen existiere und existieren müsse.

V. Wert der Kant'schen Postulate der praktischen Vernunft.

Es liegt uns durchaus fern, Kant beschuldigen zu wollen, er habe aus atheistischen Beweg- gründen seinen Feldzug gegen die Gültigkeit der theoretischen Gottesbeweise unternommen. Gegen