Aufsatz 
Kosmologischer Gottesbeweis und Kant's Kritik der reinen Vernunft / Abhandlung des Gymnasiallehrers Heinrich
Entstehung
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XXVIII

der Unterschied zwischen Noumenon und Phänomenon. Diesen Uuterschied wahrhaft und gründlich zu begreifen, dazu gehört die Einsicht, dass die Erscheinungen lediglich unsere Vorstellungen sind; dazu gehört die Einsicht, dass Raum und Zeit reine Anschauungen oder ursprüngliche Vorstellungs- formen unserer Sinnlichkeit sind; dazu gehört mit einem Worte nicht weniger als die kritische Philosophie. So lange diese Einsicht nicht gewonnen ist, liegt es der menschlichen Vernunft nahe, dass sio Erscheinungen und Dinge an sich verwechselt, dass sie Erscheinungen als Dinge, die Dinge an sich als Erscheinungen nimmt und also unwillkürlich jenen Trugschluss macht, auf dem alle Ontologie ihre Lehrgebäude errichtet.

Diese Unterscheidung Kants zwischen Erscheinung und Ding an sich müssen wir unbedingt zurückweisen, und zwar aus folgenden Gründen:

a.) Die Erscheinungen im Kant'schen Sinne sind eigentlich streng genommen rein subjektive Anschauungen und Vorstellungen ohne jede objektive Realität, ohne irgend einen Konnex mit dem Dinge an sich. Zwar hat Kant später dem Realismus das Zugeständnis gemacht, das Ding an sich sei in der Erscheinung enthalten als das verborgene X derselben, allein damit auch den Boden der strengen kritischen Philosophie verlassen. K. Fischer macht dies von seinem Standpunkt aus mit Recht dem verehrten Meister zum Vorwurf und sagt:Wenn Raum und Zeit unsere Vor- stellungen sind, so ist jede Erscheinung, weil sie in Raum und LZeit ist, ebendeshalb nichts als unsere Vorstellung, so ist das Ding an sich, weil es nicht anschaulich, also nicht in Raum und Zeit ist, ebendeshalb von der Erscheinung nicht dem Grade, sondern der Gattung nach verschieden, also die Vorstellung eines ganz anderen Objektes, als welches die Er- scheinung enthält(l. c. pag. 405, 6).Die Erscheinung ist blos sinnliche Vorstellung. Wenn ich meine Begriffe davon abziehe, so hört sie auf Objekt zu sein und wird empirische Anschauung. Wenn ich meine Anschauung davon abziehe, so hört sie auf Erscheinung zu sein, und wird blos Eindruck. Wenn ich den Eindruck davon abziehe, so ist der letzte Rest verschwunden, und was übrig bleibt, ist das leere Nichts, aber kein Ding an sich(l. c. 405). Demnach existieren die Erscheinungen lediglich in uns selbst als Formen unserer Empfindung, unserer Anschauung und unseres Denkens. Die Annahme, dass ausser uns etwas wirklich sei als Ding an sich, ist eine reine Fiktion. Der Kant'sche Kritizismus muss demnach in strenger Konsequenz jede objektive Erfahrung leugnen und sich entweder als absolute Skepsis(G. E. Schulze) oder als absolnten Idealismus ausgestalten(Fichte, Schelling, Hegel).

5) Dagegen empört sich aber mit dem allgemeinen Bewusstsein und dem gesunden Menschen- verstand die wahre Philosophie. Wir nehmen nicht rein subjektive Erscheinungen, sondern die Dinge selbst wahr, allerdings nicht absolut wie sie an sich sind, sondern relativ in dem Wechsel- verhältnis zwischen ihnen und den Sinnen. Raum und Zeit sind nicht subjektive Anschauungs- formen, sondern die Dinge werden erkannt als objektiv nebeneinander und ihre Veränderungen als objektiy nacheinander und daraus abstrahiert der Verstand notwendig die Begriffe Raum und Zeit. Desgleichen sagt uns der Verstand auf Grund des inneren Bewusstseins und der äusseren Er fahrung, dass die Gegenstände der letzteren von uns verschiedene und unter sich verschiedene selbständige Wesen, Substanzen, also nicht Erscheinungen, sondern, in diesem Sinne, Dinge an sich, oder besser, Dinge für sich sind. Die sogenannten Kategorien sind durchaus nicht leere Denkformen, denn sie haben, auch wenn sie nicht auf die Erfahrungsgegenstände angewendet, sondern an und für sich betrachtet werden, einen ganz bestimmten Inhalt sie sind nicht dem Verstande a priori immanent, sonst müssten wir sie beim Erwachen des Denkvermögens fertig in uns vorfinden, sondern sie werden aus den Dingen selbst und deren Natur nach und nach abstrahiert sie werden