III. Kant's Erkenntnistheorie. Unmöglichkeit einer Metaphysik. Der transscendentale Schein und der dialektische Trugschluss.
Fragt man aber nach dem eigentlichen Grund, warum Kant den kosmologischen Beweis nicht anerkennen will und auch nicht anerkennen darf, so ist dieser Grund in Kant's falscher Erkenntnistheorie zu suchen.
Nach Kant ist eine Metaphysik überhaupt unmöglich; wir sind ganz ausser Stande, rein Transscendentes, welches über alle sinnliche Erfahrung hinausgeht, zu erkennen. Die Entwickelung aller menschlichen Erkenntnis vollzieht sich nach ihm in der folgenden Weise. Die Eindrücke, welche unser sinnliches Gefühlsvermögen empfängt, erfassen wir durch die rein subjektiven Formen unserer Anschauung, nämlich Raum und Zeit, und gestalten sie so zu Erscheinungen. Die Erscheinungen sind also nichts anderes als die in der Anschauung als räumlich und zeitlich gefassten sinnlichen Eindrücke. Dieser Anschauungen bemächtigt sich sodann der Verstand durch die ihm a Sriori eigenen Kategorien, Stammbegriffe, welche aber durchaus nicht irgend einen Gegenstand vorstellen, sondern nur Handlungen, immanente Formen des Denkens sind. Der Ver- stand wendet sie im Urteilen auf die Erscheinungen an, ordnet und verbindet dadurch diese zur Einheit des Begriffs.
„Die Empfindung giebt zur Erscheinung das Material, die Anschauung macht aus diesem Material eine Erscheinung, der Verstand macht aus der Erscheinung ein Objekt. Was die Sinne zufällig vorstellen, das wird durch den Verstand nach einer Regel vorgestellt und eben dadurch zu einer objektiven Erscheinung gemacht, d. h. zu einer Erscheinung, die nicht anders als so vorgestellt werden kann.(Kuno Fischer I. c. pg. 406.) Der Verstand erweitert also in keiner Weise die Erkenntnis über das Gebiet der sinnlichen Erfahrung hinaus.„Wenn Erkenntnis nur möglich ist von Erscheinungen, so ist selbstverständlich keine Erkenntnis möglich von Gegenständen, welche nicht erscheinen, die unsere Anschauung und Vorstellung von sich aus- schliesst. Die Quelle der Erscheinungen ist unsere Sinnlichkeit. Was nicht sinnlich ist, kann uns auch nie erscheinen, und umgekehrt.“(Kuno Fischer J. c. pg. 399.)
Eine Erkenntnis nicht sinnlicher Dinge ist also unmöglich;„es giebt nur Erfahrung.“ (1. c. 398.)
Ueber den Verstandsbegriffen stehen sodann die transscendentalen Vernunftbegriffe, die Ideen, welche als der Vernunft immanente Prinzipien dieselbe in der ihr wesentlichen Thätigkeit des Schliessens, Schlussfolgerns leiten, regulieren. Beim kategorischen Schluss wird die Vernunft geleitet von der psychologischen Idee, der Idee des unbedingten Subjektes der inneren Vorgänge, beim hypothetischen Schlusse von der kosmologischen Idee, der Idee des Weltganzen, in welchem alles Einzelne bedingt ist, in dem disjunktiven Schluss von der Idee der absoluten Einheit aller denkbaren Realitäten— theologische Idee. Diese Ideen sind also nicht durch die Vernunft abstrahirt, erworben, sondern ihr nach immanenten Gesetzen eigen,„ganz notwendig in der Vernunft nach ihren ursprünglichen Gesetzen erzeugt“(Kant I. c. 338), sie setzen nicht ein Objekt voraus, noch machen sie irgend ein Objekt erkennbar(K. Fischer I. c. 428), sondern sie sind Ziele, Zwecke, welche die Vernunft setzt und denen sie beim Schliessen entgegenstrebt, um das schlechthin Unbedingte zu erreichen, sie sind vollständig inhaltsleer; es entspricht ihnen keine Realität.
Dass wir nun aber diesen Ideen dennoch Realität zuschreiben und sie für Objekte ansehen, das geschieht durch den transscendentalen Schein, den Kant eine unvermeidliche IIlusion nennt.
„Unsere Erfahrung ist ihrer Natur nach notwendig grenzenlos, wie Raum und Zeit; jedes ihrer Objekte ist eine Erscheinung, jede Erscheinung setzt eine andere als ihre Ursache voraus


