Sieht man jedoch näher zu, so zeigt es sich, dass Kant's Widerlegung des ontologischen Argumentes nicht stringent ist, da sie den Grundfehler desselben gar nicht berührt. Denn Kant führt aus(l. c. pg. 598):„Sein ist offenbar kein reales Prädikat, d. i. ein Begriff von irgend etwas, was zum Begriffe eines Dinges hinzukommen könne. Es ist blos die Position eines Dinges, oder gewisser Bestimmungen an sich selbst.“„Wenn ich(pg. 600) also ein Ding, durch welche und wie viel Prädikate ich will(selbst in der durchgängigen Bestimmung) denke, so kommt dadurch, dass ich noch hinzusetze, dieses Ding ist, nicht das Mindeste zu dem Dinge hinzu. Denn sonst würde nicht eben dasselbe, sondern mehr existieren, als ich im Begriffe gedacht hatte und ich könnte nicht sagen, dass gerade der Gegenstand meines Begriffes existiere.“„Ihr habt schon einen Widerspruch begangen, wenn Ihr in den Begriff eines Dinges, welches Ihr lediglich seiner Möglichkeit nach denken wolltet, es sei unter welchem versteckten Namen, schon den Begriff seiner Existenz hinein brachtet.
Räumet man euch dieses ein, so habt ihr dem Scheine nach gewonnen Spiel, in der That aber nichts gesagt; denn ihr habt eine blosse Tautologie begangen. Ich frage euch, ist der Satz: dieses oder jenes Ding, welches ich euch als möglich einräume, es mag sein, welches es wolle, existiert, ist, sage ich, dieser Satz ein analytischer oder synthetischer Satz? Wenn er das erstere ist, so thut ihr durch das Dasein des Dinges zu eurem Gedanken von dem Dinge nichts hinzu, aber alsdann müsste entweder der Gedanke, der in euch ist, das Ding selber sein, oder ihr habt ein Dasein, als zur Möglichkeit gehörig, vorausgesetzt und alsdann das Dasein dem Vorgeben nach aus der inneren Möglichkeit geschlossen, welches nichts, als eine elende Tautologie ist.“
Diese Auseinandersetzungen sind voll uud ganz richtig, insoweit sie sich auf die endlichen Dinge beziehen. In diesen ist Sein und Wesen, wie bereits gesagt, verschieden, und darum das Sein kein reales Prädikat, keine Vollkommenheit neben anderen, welche die Summe dieser anderen Vollkommenheiten oder Realitäten vermehren könnte, sondern nur die Setzung, die Existenz dieser Vollkommenheiten. Deshalb sind alle Existentialsätze bezüglich endlicher Wesen allerdings nicht analytischer, sondern synthetischer Natur.
In Gott aber, als dem absolut einfachen actus purus, ist Sein und Wesen identisch; das göttliche Sein ist nicht die Setzung unendlich vieler von ihm verschiedener Realitäten, sondern ist die wesenhafte Fülle der unendlichen Wirklichkeit.
Darum ist der Satz:„Gott ist“ an sich allerdings analytisch und in gewissem Sinne eine Tautologie, wie Gott ja selbst zu Moses sagte: Ich bin der Seiende. Ich bin, der ich bin.
Der o. B. irrt demnach nicht, wenn er das Sein Gottes als reales, im Begriffe Gottes ein- geschlossenes Prädikat betrachtet, er irrt aber darin, dsss er die Richtigkeit der Gottesidee mit der Realität derselben verwechselt; er irrt, weil er übersieht, dass unser aus den kontingenten Dingen geschöpfter Begriff des Seins auf Gott nur analog angewandt werden kann, sich keineswegs mit dem göttlichen Sein deckt, d. h. ihm nicht adäquat ist, mit anderen Worten, er irrt, weil er eigentlich eine adäquate Erkenntnis Gottes voraussetzt. Kant aber fällt bei seiner Widerlegung des ontologischen Beweises sozusagen in den entgegengesetzten Irrtum, er will auch das göttliche Sein nur als Setzung des göttlichen Wesens betrachten, d. h. er behauptet, unsere analoge Erkennt- nis Gottes sei adäquat. Der ontologische Beweis präsumiert die Einsicht, dass in Gott Sein und Wesen identisch sind; Kant leugnet diese Identität; der o. B. will unsere Erkenntnis, aber vergeblich, erheben zur adäquaten Idee von Gott, wie sie Gott selbst hat; Kant will das Totliehe Wesen den Gesetzen unseres rein menschlichen Denkens unterwerfen.


