Aufsatz 
Kosmologischer Gottesbeweis und Kant's Kritik der reinen Vernunft / Abhandlung des Gymnasiallehrers Heinrich
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Gott als das vollkommenste Wesen. Nun ist wirklich existieren vollkommner als blos in Gedanken ſin intellectu) existieren, also existiert das vollkommenste Wesen und muss existieren. Die Idee Gottes als des vollkommensten Wesens ist richtig; solange aber die Realität dieser Idee noch nicht erkannt und bewiesen ist, können aus der Idee unmöglich Schlüsse auf das wirkliche Dasein Gottes gezogen werden; erst wenn feststeht, dass Gott existiert, folgt aus der Gottesidee, dass er notwendig existiert.

5) Der kosmologische Beweis aber führt uns keineswegs zurblossen Idee eines notwendigen Wesens, sondern zur Erkenntnis, dass die Realität dieser Idee entspreche, dass ein notwendiges Wesen wirklich existiere; er schliesst also aus dem Begriff eines wirklichen Wesens, nicht eines blos gedachten..

y) Die obige Ausführung Kant's müsste darum also geändert werden:

Hat der kosmologische Beweis recht mit seiner Behauptung:existiert ein notwendiges Wesen, so existiert es als das allerrealste, dann kann ich auch umtehren: existiert ein ens realissimum, so existiert es notwendig.

9) Hätten wir eine adäquate Erkenntnis Gottes, als des actus purus, in welchem Sein und Wesenheit identisch sind, dann wäre uns die Existenz Gottes ohne jeden Beweis unmittelbar evident. Allein unsere Gottesidee ist eine, wenn auch wahre so doch nur analoge. Wir erkennen Gott nach Analogie der Geschöpfe; da nun in diesen Sein und Wesen verschieden sind, so kann uns unmöglich unmittelbar einleuchten, dass und wie in Gott Sein und Wesen identisch seien. Mit anderen Worten: das Dasein Gottes ist per se notum quoad se, aber nicht per se notunz quoad nos.

II. Kant und der ontologische Beweis.

Uebrigens scheint Kant dem ontologischen Beweise, obwohl er ihn mit Recht bekämpft, in Wirklichkeit ganz nahe zu stehen. Kant schreibt nämlich(l. c. pg. 607): Es ist also eigentlich nur der ontologische Beweis aus lauter Begriffen, der in dem so genannten kosmologischen alle Beweiskraft enthält, und die angebliche Erfahrung ist ganz müssig, vielleicht, um uns nur auf den Begriff der absoluten Notwendigkeit zu führen, nicht aber um diese an irgend einem bestimmten Dinge darzuthun. Denn sobald wir dieses zur Absicht haben, müssen wir sofort alle Erfahrung verlassen und unter reinen Begriffen suchen, welcher von ihnen wohl die Bedingungen der Möglichkeit eines absolut notwendigen Wesens enthalte. Ist aber auf solche Weise nur die Möglichkeit eines solchen Wesens eingesehen, so ist auch sein Dasein dargethan; denn es heisst so viel als: unter allem Möglichen ist Eines, das absolute Notwendigkeit bei sich führt, d. i. dieses Wesen existiert schlechterdings notwendig.

Diese Stelle, soweit gesperrt, drückt zweifellos Kant's eigene Ansicht aus, ist also nicht mehr Kantsche Interpretation des kosmologischen Beweises. Aber hat nicht Kant eben damit den Grundfehler des ontologischen Beweises zu seinem eigenen gemacht? Der ont. Beweis irrt, indem er aus der Denkbarkeit, das heisst, aus der Möglichkeit eines absolut vollkommenen, also seinem Begriffe nach notwendigen Wesens auf dessen Existenz schliesst, und Kant erklärt:ist aber nur die Möglichkeit eines solchen(absolut notwendigen) Wesens eingesehen, so ist auch sein Dasein dargethan. Ob, nach Kant, die Möglichkeit eines absolut notwendigen Wesens eingesehen werden könne oder nicht, darauf kommt es hier nicht an, mit der Behauptung, die Möglichkeit eines: notwendigen Wesens beweise das Dasein desselben, stellt sich Kant auf den Standpunkt des ontologischen Beweises.