Aufsatz 
Kosmologischer Gottesbeweis und Kant's Kritik der reinen Vernunft / Abhandlung des Gymnasiallehrers Heinrich
Entstehung
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I

Wahr ist, dass wir das unbedingte,nicht gegebene Seien nicht durch die unmittelbare Erfahrung kennen, sonst bedürfte es ja gar keines Beweises. Aber existiert denn nur das was durch die Erfahrung gegeben ist? Dann existiert z. B. die Anziehungskraft nicht, denn wir erschliessen sie nur aus ihren Wirkungen. Wozu dann überhaupt Schlussfolgerungen? Die Naturwissenschaft schliesst überall aus den Wirkungen, die sie kennt, auf die Ursachen, die sie noch nicht kennt, die also noch nichtgegeben sind. Das Dasein, auf welches der kosmologische Beweis ziele, seieine blose Idee. Nein, der kosmologische Beweis zwingt uns zum Urteil, dass etwas, was dieser Idee ganz und voll entspricht, wirklich existieren muss, nämlich ein Unbedingtes, weil es sonst kein Bedingtes geben könne.

2.Warum behauptet er die Existenz eines notwendigen Wesens? Weil sonst eine unendliche Reihe von Bedingungen gegeben wäre, und weil eine solche unendliche Reihe unmöglich ist. Wer sagt ihm, dass sie unmöglieh ist? Widerspricht etwa der unendlichen Reihe von Bedingungen die Erfahrung? Im Gegenteil, sie entspricht den Bedingungen; wenigstens ist unter dem empirischen Gesichtspunkt die Reihe der natürlichen Bedingungen niemals vollendet.

Dieser Entwurf ist schon widerlegt worden. Hier nur Folgendes.

Die Erfahrung kennt nur endliche Reihen; wir können aber diese Reihen uns beliebig in der Phantasie nach beiden Richtungen verlängert vorstellen. Der denkende Verstand jedoch zwingt uns, einen Anfang der Reihen zu behaupten, während die Melaurung uns lehrt, dass diese Reihen an Gliedern zunehmen, also endlich sind.

3.Und gesetzt, die Reihe der Bedingungen könnte vollendet werden, so dürfte diese Vol- lendung doch niemals durch ein Wesen geschehen, das ganz ausserhalb der Reihe selbst liegt. Der kosmologische Beweis hat kein Recht, die Reihe der natürlichen Bedingungen willkürlich zu vol- lenden. Und die Vollendung, die er macht, ist unter allen Umständen unmöglich; sie ist falsch, denn sie vollendet die Reihe nicht, von der jenes notwendige Wesen durch eine unübersteigliche Kluft getrennt ist.

a) Der Vorwurf der willkürlichen Vollendung der Reihe natürlicher Bedingungen ist schon zurückgewiesen worden die Logik zwingt uns für jede Reihe ein erstes Glied anzunehmen.

b) Dieses erste Glied liegt nun nicht ausserhalb der Reihe, sondern bildet eben den Anfang der Reihe und ist wie alle übrigen Glieder bewegt und bewegend, verursacht und verursachend, selbst kontingent und der Existenzgrund der nachfolgenden.

c) Was hat nun dieses erste Glied bewegt, verursacht, ihm das kontingente Sein gegeben? Etwa wiederum ein Bewegtes, Verursachtes, Kontingentes? Das ist gegen die Voraussetzung. Also kann es nur ein Unbewegtes, Nichtverursachtes, Notwendiges sein ein Unenadliches.

d) Worin dieunübersteigliche Kluft bestehen soll ist uns ein unlösbares Rätsel. Es soll doch nicht etwa damit gesagt sein: das Unendliche sei unvermögend, Endliches zu bewegen, ihm Wirksamkeit und Existenz zu geben? Abgesehen von der philosophischen Ungeheuerlichkeit einer solchen Behauptung zeigt ja gerade das kosmologische Argument, dass die erste Ursache dieses Vermögen gehabt hat und haben muss.

Die notwendige erste Ursache ist zwar ihrem Wesen nach unendlich vollkommner als die Reihe, aber doch insofern unmittelbar mit der Reihe verbunden, als diese ihre Wirkung ist.

4.Endlich, wenn wir den kosmologischen Beweis bis zu seiner ersten Station gelangen lassen, wie macht er den Weg zur zweiten? Wie schliesst er von dem notwendigen Wesen auf das allerrealste? Da das notwendige Wesen doch nicht in der Erfahrung existiert, woher beweist er seine Existenz? Er beweist, dass jenes notwendige Wesen alle Realitäten in sich schliesse, also