Aufsatz 
Kosmologischer Gottesbeweis und Kant's Kritik der reinen Vernunft / Abhandlung des Gymnasiallehrers Heinrich
Entstehung
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XVIII

Man hat eingewandt(Braig), der Beweis der Freiheit aus der Wahl des einen Anfangs- momentes unter den unzähligen beruhe auf der Fiktion, als ob es vor diesem Anfangsmoment, also vor der Zeit, schon wirklich aufeinanderfolgende Momente gegeben habe, demnach Zeit vor der Zeit. Wir antworten: In der Ewigkeit giebt es allerdings kein Nacheinander von Zeit- momenten, wohl aber gestattet die Ewigkeit eine unendliche Fülle von möglichen Anfangs- momenten einer zu schaffenden Zeit, denn die Ewigkeit koexistiert ganz und voll jedem Zeit- momente. Die Ewigkeit geht nicht der Zeit voraus in zeitlichem Sinne, aber dennoch darf man sagen: Das Ewige existiert vor und über aller Zeit, d. h. es ist eben ewig, während die Zeit einen Anfang genommen hat. Die bis jetzt wirklich verflossene Zeit könnte eine längere oder kürzere Dauer gehabt haben; der Grund gerade dieser bestimmten Dauer ist die freie Entscheidung der ersten Ursache.

III. Schlusssatz.

Es muss also für jede Reihe bedingter Ursachen eine unbedingte erste Ursache angenommen werden. Da jedoch, wie schon bewiesen, diese unbedingte erste Ursache unendlich sein muss, das Unendliche aber nur einmal existieren kann, so ist die erste Ursache aller sekundären Ursachen in der Welt nur eine, nämlich Gott.

Wenn nun der Pantheismus einwendet, diese erste Ursache aller Veränderungen und jeden Werdens in der Welt müsse nicht von der Welt verschieden gedacht werden, sondern sei nur ein der Welt immanentes Prinzip, so ist zu erwidern:

1. Die erste Ursache kann, ja muss der Welt immanent gedacht werden in dem Sinne, dass sie in der Welt überall zugegen sei; sie ist wie allwirksam, so auch allgegenwärtig.

2. Dagegen beweist gerade unser Argument, dass die erste Ursache weder mit den Welt- dingen identisch, noch etwa eine die Weltdinge als Accidentien tragende allgemeine Substanz sei.

a) Die erste Ursache ist nicht mit den Weltdingen identisch, denn: «*) sie ist unverursacht, also ewig; die Weltdinge sind verursacht, also zeitlich; 9) sie ist unendlich die Weltdinge sind endlich; y) die Weltdinge existieren nur durch die erste Ursache, diese aber ist in ihrer Existenz von den Weltdingen ganz und gar unabhängig.

b) Die erste Ursache ist nicht die Substanz der Weltdinge als ihrer Accidentien, denn: -*.) die Weltdinge sind selbst Substanzen; §) die erste Ursache, weil unendlich, hat keine Accidentien, kann keine haben; y) eine ewige Substanz müsste auch ewige Accidentien haben, die Weltdinge aber sind zeitlich.

Ein anderer Einwand lautet: Alles Werden in der Welt ist nicht ein substantiales, sondern nur ein modales, accidentales. Nirgends in der Welt werden neue Wesen ihrer Substanz nach bewirkt, d. i. aus dem Nichts erschaffen, sondern die Teile der vergangenen und vergehenden Dinge werden in neuen Formen zusammengefasst; m. a. W. nirgends wird Stoff produziert, sondern der schon vorhandene Stoff wird nur anders gestaltet; die unveränderlichen Stoffteile, die Atome gehen neue Verbindungen ein. Der ersten Ursache kann demnach nur die Weltbildung, aber nicht die Weltschöpfung zugeschrieben werden.

In diesem Einwande ist zunächst übersehen, dass bei Neubildung von Organismen zwar deren Stoffteile nicht erst produziert werden, wohl aber ibre Formen, ihre Lebensprinzipien. Diese Lebensprinzipien aber sind schon bei den Pflanzen und Tieren vom Stoff verschiedene substantielle