Aufsatz 
Kosmologischer Gottesbeweis und Kant's Kritik der reinen Vernunft / Abhandlung des Gymnasiallehrers Heinrich
Entstehung
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A

3. Man hat auch eingewendet, es sei reine Willkür, unter Führung des Kausalitätsgesetzes in der Reihe der bewirkenden und bewirkten Ursachen rückwärts zu gehen und dann auf einmal Halt zu machen; das Kausalitätsgesetz gestatte keinen Halt, sondern treibe mit unerbittlicher Strenge immer weiter, d. h. in infinikum. Darauf ist zu sagen: Wenn wir aus einer Reihe be- dingter Ursachen auf eine nichtverursachte Anfangsursache schliessen, so halten wir keineswegs mit der Anwendung des Kausalitätsgesetzes an einem beliebigen Gliede inne nein, wir gestatten der Reihe jede nur mögliche Länge, beweisen aber, wie oben geschehen, dass die Reihe einen Anfang genommen haben müsse und deshalb ein regressus in infinitum nicht möglich sei. Oder, anders ausgedrückt, wir nehmen die Reihe als ein wirklich gegebenes Ganze und sagen: alle Teile dieses Ganzen sind verursacht(nach Voraussetzung), also ist das Ganze verursacht; wodurch? Durch sich selbst? Das ist unmöglich. Durch etwas anderes Verursachtes? Dieses wäre dann auch ein Glied dieser Reihe; ergo müssen wir als erste und eigentliche Ursache aller Glieder ein Nicht- verursachtes annehmen.

4. Sonderbar ist der Einwurf: gerade das Kausalitätsgesetz verbiete die Annahme eines Nichtverursachten; es sei doch ein Widerspruch, auf Befehl des Kausalitätsgesetzes aus den Wirkungen auf die Ursachen zu schliessen, um endlich ein Nichtverursachtes anzunehmen. Das Kausalitätsgesetz verbietet die Annahme einer nichtverursachten Wirkung aber keineswegs die Annahme eines nichtverursachten Seins; im Gegenteil, gerade das Kausalitätsprinzip zwingt uns zum Schlusse: Es kann nicht Alles, was existiert, verursacht sein, sonst gäbe es lauter Wirkungen ohne Ursache.

5. Ein Wesen aber, welches in keiner Weise verursacht ist, also auch bei seinem Wirken keinen kausalen Einfluss empfangen und demnach in keiner Beziehung ꝓotentia ad actum geführt worden, ist, wie beim ersten Argument schon angedentet, notwendig reine Wirklichkeit, vollständig unabhängiges unendliches Sein. Denn nur ein unendliches Wesen kann Ursache werden, ohne in dieser Beziehung a potentia ad actum überzugehen.

II. Untersatz.

Zum Beweise des Untersatzes pflegt man in erster Linie hinzuweisen auf die Reihen der organischen Wesen. Hier gilt ausnahmslos der Satzomne vivunm er ovo. Jedes organische Individuum stammt von einem anderen Individuum gleicher Gattung(wobei Gattung im weitesten Sinne ge- nommen werden darf); nirgends kann organisches Leben entstehen, wenn nicht schon ein organischer Keim vorhanden ist. Einen regressus in infinitam in diesen Reihen verbietet nicht blos der gesunde Menschenverstand, sondern auch die exakte Wissenschaft, speziell die Geologie. In den untersten Schichten der Erdbildung findet sich kein Rest, keine Spur von organischen Gebilden und kann sich auch nicht finden, weil in Perioden dieser Schichtenbildungen die Temperaturhöhe der Erde alles organische Leben auf derselben unmõglich machte. Wie sind nun die ersten Organismen, die organischen Keime, oder die ersten Zellen entstanden? Die Ausrede: nachdem die Erde in ihrer Weiter- entwickelung sich genügend abgekühlt, hätten auf sie stürzende kosmische Körper die Keime zur organischen Entwickelung mit sich gebracht legt die Frage nur um eine Strecke weiter zurück. Denn, abgesehen davon, dass noch nie in einem Meteoriden auch nur eine Spur von organischem Leben oder einer lebensfähigen Zelle gefunden worden ist, würde die weitere Frage gestellt werden müssen, wie ist der erste Organismus auf jenem Weltkörper entstanden, dessen Teile sich auf unsere Erde verirrt haben? Sind ja doch alle Weltkörper nach der Laplace'schen Theorie einmal in einer alles organische Leben ertötenden Temperatur gewesen; und selbst wenn diese Theorie unrichtig wäre, könnte auch hier ein regressus in infinitum nicht zugegeben werden.