Aufsatz 
Kosmologischer Gottesbeweis und Kant's Kritik der reinen Vernunft / Abhandlung des Gymnasiallehrers Heinrich
Entstehung
Einzelbild herunterladen

IX

Die grosse Frage lautet nun, woher die Dewesung in der Welt? Drei Antworten werden auf diese Frage gegeben, nämlich:

1. Die Bewegung in der Welt hat keinen Anfang genommen, sie ist ewig.

2. Die erste Bewegung ist durch gegenseitigen Einfluss zweier oder mehrerer Weltdinge entstanden, oder die Dinge haben sich selbst in Bewegung gesetzt.

3. Eine ausserweltliche, unendliche Ursache hat die Bewegung in der Welt hervorgerufen.

Entsprechend diesen drei Antworten stellen wir folgende Thesen.

I. These Es giebt keine ewige Bewegung; jede Bewegung hat einen Anfang genommen.

1. Schon der Begriff der Bewegung schliesst die Möglichkeit einer anfangslosen Bewegung aus. Bewegung ist Ortsveränderung. Jede Veränderung aber ist erst dann wirklich, wenn sie anfängt; so lange sie nicht begonnen hat, ist sie blos möglich. Ein Körper, der in Bewegung ist, geht von einem Punkte des Raumes zum anderen, also muss er von einem ersten Punkte ausgegangen sein, sonst wäre er nicht zu einem zweiten, dritten etc. Punkte gekommen. Wenn man sagt: ich kann mir ganz gut eine anfangslose Bewegungslinie vorstellen; denn vor jedem noch so weit entlegenen Punkte derselben kann ich mir einen früheren denken; ich brauche nie bei einem ersten Punkte stille zu stehen, so ist dies, solaug nur von Phantasievorstellungen die Rede ist, vollkommen richtig. Der Verstand aber muss eine anfangslose Bewegungslinie als einen Widerspruch in sich erklären. Jede wirklich gezogene Linie, mag sie noch so lang sein und noch so oft ihre Richtung ändern. muss notwendig von einem bestimmten Punkte ausgehen und in einem bestimmten Punkte enden. 1 3 e.

Wollte man entgegnen: allerdings gehe die Bewegungslinie von einem Antangspuntte aus, allein dieser Punkt liege in der Ewigkeit, so ist dies nur eine inhaltslose Phrase. Ein Punkt liegt nicht in der Ewigkeit, sondern jeder Punkt liegt im Raume.

2. Wäare ein Körper von Ewigkeit her in Bewegung, so müsste er eine unendlich lange Bewegungslinie zurückgelegt haben. Allein, wie der Augenschein lehrt, dauert die Bewegung noch fort, oder könnte wenigstens noch fortgesetzt werden. Die Länge der Bewegungslinie wird also immer grösser oder kann vergrössert werden, ist demnach gewiss nicht unendlich. Gegen diesen Beweis hilft auch nicht die Ausrede, die Bewegung vollziehe sich in einem immerwährenden Kreislaufe, eine Kreislinie habe aber keinen Anfang und kein Ende. Wahr ist, in einer Kreislinie kann jeder Punkt als Anfangs- und zugleich als Endpunkt betrachtet werden; allein soll ein Körper eine Kreislinie beschreiben, so muss er von einem bestimmten Punkte aus sich in Bewegung setzen, zu welchem er nach Vollendung der Kreislinie zurückkehrt. Diese Peripherie ist eine endliche und deshalb bleibt der Weg des Körpers, welcher sich in ihr bewegt, ein endlicher, wenn der Körper auch noch so oft zum Ausgangspunkt zurückkehrt.

3. Die Bewegung, weil Veränderung, fällt unter das Mass der Zeit. Denn die Zeit ist nichts Anderes als das Nacheinander der Veränderungen. Eine anfangslose, ewige Bewegung behaupten, heisst eine anfangslose, ewige Zeit annehmen.

4. Aber auch die Naturwissenschaft beweist uns, dass die Bewegung in der Welt nicht ewig sein kann. Denn es findet in der Welt ein fortwährender Austausch zwischen Bewegung und Wärme statt, indem gehemmte Bewegung Wärme hervorruft und Wärme wiederum sich in Be- wegung umsetzt. Bei diesem Austausch aber zwischen Wärme und Bewegung kann die in Wärme

3