Aufsatz 
Kosmologischer Gottesbeweis und Kant's Kritik der reinen Vernunft / Abhandlung des Gymnasiallehrers Heinrich
Entstehung
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VIII

Zweiter Teil.

Der kosmologische Beweis.

Wir sagen der Gewohnheit gemäss:der kosmologische Beweis, obwohl man eigentlich sagen dürfte, ja müsste:die kosmologischen Beweise. Denn jede der 3 kosmologischen Beweisformen pildet ein in sich abgeschlossenes stringentes Argument. Das Argument aus der Bewegung fordert mit zwingender Gewissheit das Dasein eines ersten unbewegten Bewegers; das Argument aus der Reihenfolge sekundärer Ursachen beweist, dass es eine erste, nicht verursachte Ursache geben müsse; das Argument aus der Kontingens der Weltdinge führt die Vernunft zur klaren Erkenntnis des notwendigen Wesens als der wirklich existierenden Voraussetzung aller zufälligen Existenzen. In jedem dieser 3 Begriffe aber, sowohl im Begriffe desprimum movens a nullo motumt, als in dem dercausa prima a se, als in dem desens necessurium ist der Begriff des überweltlichen, unendlichen, persönlichen Gottes eingeschlossen und kann aus diesen Begriffen evident erschlossen werden. Desgleichen sind das teleologische(physikotbeologische) und das ethikotheologische(moralische in diesem Sinn) Argument, jedes für sich allein, ausreichend, Gottes Dasein zu beweisen, da wir Gott durch das erstere als die überweltliche, intelligente und freie Ursache aller Ordnung und Zielstrebigkeit, durch das letztere als die bewirkende, urbildliche und finale Ursache der Willens- freiheit und des Sittengesetzes erkennen. Es erscheint demnach unzulässig, von einer gegenseitigen Ergänzung der Gottesbeweise in dem Sinne zu reden, als ob nicht jeder derselben für sich allein genügend sei, sondern erst durch die Verbindung mit anderen, oder sogar den anderen Beweisen stringent werde. Nein, die Gottesbeweise ergänzen sich nur insofern, als sie je nach ihrer Eigenart Gottes Dasein unter einem ganz bestimmten Attribute erschliessen, also verschiedene göttliche Eigenschaften direkt erkennen lassen und begründen. Mit anderen Worten: die Gottesbeweise ergänzen sich nicht zur grösseren Evidenz, sondern sie ergänzen sich zur vollkommeneren Erkenntnis des göttlichen Wesens.

Auf Grund des Kausalitätsgesetzes pflegt man den kosmologischen Beweis in dreifacher Weise zu führen, nämlich 1. aus der Bewegung, 2. aus der Reihe der bewirkenden und bewirkten Ursachen, 3. aus der Kontingens der Weltdinge. Auch wir wollen diese Ordnung beibehalten, obwohl uns der dritte Punkt als der fundamentale erscheint.

A. Beweis aus der Bewegung.

Unter Bewegung(motus) verstanden der hl. Thomas und die übrigen Scholastiker nicht blos die räumliche Bewegung, den Fortgang von einem Punkte des Raumes zum andern, sondern jede Veränderung, jeden Uebergang vom Möglichsein zum Wirklichsein, vom Sosein zum Anderssein. Wir wollen aber hier Bewegung zunächst nur im räumlichen Sinne fassen, einerseits, weil der Mate- rialismus alles Werden, Leben und Vergehen in der Welt lediglich auf räumliche Bewegung zurückführen will, anderseits, weil alle Veränderungen, welche etwa nicht auf dieser Art der Bewegung beruhen, unter die zweite Form des kosmologischen Beweises fallen.