Aufsatz 
Kosmologischer Gottesbeweis und Kant's Kritik der reinen Vernunft / Abhandlung des Gymnasiallehrers Heinrich
Entstehung
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IV

Der Ontologismus lehrt ein unmittelbares stetes Schauen des göttlichen Seins. Aber unser Bewusstsein weiss von diesem Schauen nichts. Auch liegt hier eine Verwechselung des allgemeinen, ganz unbestimmten, inhaltsleeren Seins, des blossen Existierens mit dem unendlichen Sein, dem actus purus, der Fülle aller Vollkommenheit vor.

Der falsche Mystizismus und die Theosophie sagen, es bestehe eine geheimnissvolle, innere Berührung zwischen Gott und der Seele, so dass die Seele durch geistiges Fühlen und Empfinden des Daseins Gottes sicher sei, der nur durch diesen unmittelbaren Kontakt erfasst werden könne. Allein von der behaupteten inneren Berührung haben wir gleichfalls keine bewusste Erfahrung; ein unbewusstes Gefühl aber kann keine Verstandesüberzeugung bewirken.

Zurückzuweisen sind auch die verschiedenen Theorien von der angeborenen Gottesidee. Der Mensch hat überhaupt keine angeborenen Begriffe, sondern bildet sich seine Begriffe durch Abstraktion und Schlussfolgerung.

Der wahre Weg, auf welchem wir zur Erkenntnis Gottes gelangen, ist uns vorgezeichnet im alten Testament durch den Psalmvers:eoeli enarrant gloriam Dei et opera manuum ejus annuntiat firmamentum'(Psalm 18) und im neuen Testamente durch die Worte des Apostels Paulus:Invisibilia enim ipsius(Dei), a creatura mundi, per ed quae facta sunt, intellecta con- spiciuntur(Röm. I, 20).

Wir gelangen zur Erkenntnis Gottes auf dem Wege der Schlussfolgerung. Wir erkennen die Weltdinge, ihr Dasein, ihr Wesen, ihre Ordnung und Zweckmässigkeit, ihre Veränderungen als Wirkungen und schliessen mit stringenter Folgerichtigkeit auf den ersten Urheber; kurz, wir erkennen Gott aus seinen Werken. Unsere Erkenntnis Gottes ist keine apriorische, sondern eine aposteriorische..

Die aposteriorischen Gottesbeweise hat schon Aristoteles mit zwingender Logik geführt. Die Scholastiker, insbesondere Thomas von Aquin sind ihm gefolgt und haben diese Beweise weiter ausgebaut und näher erläutert.

Leider fehlte und fehlt es auch jetzt nicht an Philosophen, welche den aristotelisch-scholastischen Gottesbeweisen zwar hohe, ja höchste Wahrscheinlichkeit zuschreiben, dagegen ihre stringente Evidenz bestreiten.

Wegen der unermesslichen Wichtigkeit der Sache für Staat und Kirche dürfte es desshalb als zeitgemäss erscheinen, den wissenschaftlichen Versuch zu machen, denjenigen unter den aposterio- rischen Gottesbeweisen, der die gemeinschaftliche Grundlage der übrigen bildet, eingehend zu entwickeln und die gegen denselben, namentlich von Kant erhobenen Einwände auf ihren Wert zu prüfen.

Wir zitieren dabei Kant immer nach seiner Kritik der reinen Vernunft, wie sie 1781 in Riga erschienen ist. Denn diese erste Auflage des Werkes entwickelt Kant's Gedanken mit grösserer Konsequenz als die späteren.

Kuno Fischer(Geschichte der neueren Philosophie; 1860; III. Band, pag. 277 78) bemerkt diesbezüglich mit Recht:Ich sage ausdrücklich: Die Kritik der reinen Vernunft von 1781, weil ich ihre erste Auflage zur Richtschnur meiner Darstellung nehme, im Unterschied von der zweiten und den fünf folgenden, die sich in entscheidenden Stellen von dem Geiste der echten Kritik entfernen. Bekanntlich war es Schopenhauer's Verdienst, zuerst diese Differenz bemerkt und andere darauf aufmerksam gemacht zu haben.