Kreuz zu nehmen und gegen die Heiden des Nordostens ins Feld zu ziehen. Allerdings leitete sie dabei wesentlich nur das Interesse der Kirche und nicht etwa die Absicht das deutsche Wesen aus- preiten zu helfen. Aber thatsächlich war doch auch dies eine Folge ihres Vorgehens. Denn da die päpstlichen Bullen denen, die sich an einer Kreuzfahrt nach Livland oder Preuſsen beteiligten, fast- ebenso grofse Gnaden und Ablässe in Aussicht stellten wie jenen, die nach Palästina gingen, so zogen besonders in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts beinahe jahraus jahrein zahlreiche Scharen von Pilgern, meist aus Norddeutschland, nach der Weichsel, Memel und Düna und stritten dort wacker mit gegen die eingeborenen Heiden- stämme. Am haufigsten führte der deutsche Orden solche Pilger- heere in den Kampf, und mit ihnen hauptsächlich brach er endlich nach langem, heiſsem Ringen den zähen Widerstand der Preulsen.
Nur kurz sei schliefslich darauf hingewiesen, welche Beweg- gründe sonst noch, aulser den oben erwähnten, die Bewohner des altdeutschen Westens über die Elbe geführt haben. Viele kamen dahin im Gefolge deutscher Fürstentöchter, die sich mit slavischen Dynasten, besonders in Schlesien, vermählten, andere trieb die altgermanische Lust am Wandern und die Sucht nach Abenteuern in die unbekannte, geheimnisvolle Fremde, wieder andere wollten in mannhaftem Kampfe gegen die Heiden Ruhm und Ehre gewinnen und den Glanz des Rittertums, der in der Heimat allgemach ver- plich, dort im Osten wieder auffrischen, nicht wenige endlich, be- sonders Leute aus den niederen Klassen, drängte das Verlangen nach gröſserer Freiheit und höherer sozialer Geltung von Hause fort oder überhaupt eine unbestimmte Sehnsucht nach einem besseren Lose, als ihnen die Heimat zu bieten hatte, ganz so, wie ja auch heutzutage gar mancher seinem Vaterlande den Rücken kehrt, nicht gerade weil ihn die Not dazu zwingt, sondern in der unklarem Hoffnung, daſs er sich in der Ferne alle Güter des Lebens mit leichter Mühe werde erringen können. Und wie in unseren Tagen Nordamerika oder Afrika oder Australien für viele das Land ihrer Träume ist, das Land, wo Milch und Honig flielst, so war damals der Osten jenseit der Elbe ein solches Wunderland, von dem man sich oft goldene Berge versprechen mochte. Eine derartige Stimmung beherrschte offenbar weite Kreise des deutschen Volkes, und ihr giebt unter anderm ein altes Volksliedchen Ausdruck, das noch jetzt.


