„Boten aus in alle Lande, nach Flandern und Holland, nach Utrecht, Westfalen und Friesland und liefs alle, die um Land verlegen waren, auffordern mit ihren Familien hin zu kommen: sie würden sehr gutes, geräumiges Land erhalten, das Fisch und Fleisch im Uber- fluls biete und strotze von guter Weide. Diesem Aufrufe folgend erhob sich eine zahllose Menge aus verschiedenen Stämmen, und sie kamen mit ihren Familien und mit ihrer Habe ins Land Wagrien zum Grafen Adolf, um das Land, das er ihnen verheiſsen hatte, in Besitz zu nehmen“.— In jenen Landschaften, wo die Deutschen nicht erobernd vorgingen, sondern friedlich einwanderten, also im östlichen Teile von Mecklenburg, in Pommern, Polen, Schlesien und der Lausitz, war ihr Kommen den einheimischen Fürsten und Grund- herren ebenfalls sehr erwünscht. Denn nach deutschem Recht an- gelegte und mit deutschen Bauern besetzte Dörfer lieferten ihnen viel höhere Einkünfte als ihre slavischen Ortschaften. Der slavische Bauer stand damals, wie noch jetzt, hinter seinem deutschen Berufs- genossen an persönlicher und wirtschaftlicher Tüchtigkeit weit zu- rück. Er gebrauchte zum Ackern den hölzernen Hakenpflug, mit dem er wohl leichten Sandboden aufreiſsen konnte, aber nicht fettes, schweres Fruchtland; er pflegte überhaupt den anstrengenden Acker- bau nicht eben sehr, sondern trieb statt dessen lieber Fischfang, Vieh- und Bienenzucht; er war endlich persönlich unfrei oder, als Freier, nur auf Widerruf mit Land ausgestattet und dabei mit zahl- reichen, drückenden Abgaben beschwert, so dals ihm selbst, die Früchte seiner Arbeit bloſs zu einem geringen Teile zu gute kamen. Während alles dieses den Slaven träge und gleichgültig machte, stand der deutsche Landmann von vornherein ungleich günstiger da. Dem schweren Eisenpflug, den er von Hause mit sich führte, pereitete auch die Bestellung des fetten Marsch- und Lehmbodens keine sonderlichen Schwierigkeiten; er konnte mithin grolse Strecken Landes in Anbau nehmen, die bisher für den petreffenden Grundherrn fast wertlos gewesen waren; dazu besaſs er grölsere Erfahrung im Ackerbau, namentlich— als gelehriger Schüler der Niederländer— in der Garten- und Wiesenkultur und in allen Entwässerungsarbeiten, und hatte wohl auch den Vorteil grölserer Körperkraft für sich. Endlich war der Deutsche sparsamer, ausdauernder und unter- nehmender als der Slave. So erklärt es sich leicht, warum er seinem Grundherrn viel wertvoller erschien, obwohl er ihm ver- hältnismäfsig viel weniger zu zinsen hatte und sich einer viel
Aufsatz
Die Gründung der nordostdeutschen Kolonialstädte und ihre Entwicklung bis zum Ende des 13. Jahrhunderts
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten


