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deutschen Einwanderung. Das 12. und ganz besonders das 13. Jahr- hundert sah dort im Nordosten der Elbe eine solch kraftvolle Aus- breitung des deutschen Wesens, wie sie in gleicher Stärke und mit gleich nachhaltigem Erfolge nie vorher und nie nachher wieder statt- gefunden hat. ÜUber 200 000 qkm Landes hat damals das deutsche Schwert, der deutsche Pflug und die deutsche Mission dauernd für unsre Kultur gewonnen. Nach vielen Dutzenden zählen die Klöster, nach Hunderten die Städte und nach Tausenden die Dörfer, die auf bis dahin fremdem Grunde angelegt und mit deutschen Bewohnern besetzt wurden. Für Schlesien allein berechnet man die Menge der Deutschen, die bis 1260 einwanderten, auf 150— 180 000 und die Zahl der von ihnen gegründeten Dörfer auf etwa 1500. Dabei war hier die Besiedelung noch nicht einmal besonders durchgreifend; viel gründlicher noch wurden infolge des heftigen Widerstands, den die einheimische Bevölkerung dort leistete, Brandenburg, Mecklenburg und Preuſsen kolonisiert.
Die Ursachen dieser gewaltigen Ausbreitung der Deutschen nach dem Osten hin waren mannichfacher Art. Anfangs führten über- wiegend religiöse Gründe, der Wunsch, die heidnischen Slaven dem Christentum zu gewinnen, die Deutschen über die Elbe. Aber da- neben wirkten doch auch schon frühzeitig andere Absichten politischer und wirtschaftlicher Natur mit, indem man darauf ausging, die östlichen Grenzgebiete unter die Macht und Oberhoheit des deutschen Reiches zu beugen und zugleich von ihnen Tribute zu erlangen. Als man bei diesem Bestreben auf erbitterte Gegenwehr stiels und sich die scheinbar bezwungenen Slaven und Preufsen immer und immer wieder in blutigen Aufständen empörten, da riefen die fürst- lichen Eroberer endlich deutsche Kolonisten zu Hilfe, um nach alt- römischer Weise das Land mit ihnen zu besetzen und dauernd für das Deutschtum zu sichern. An Leuten aber, die sich zur Aus- wanderung willig finden liefsen, war, wenigstens seit dem Ausgang des 12. Jahrhunderts, daheim im Mutterlande kein Mangel mehr. Denn damals gerade ging der innere Ausbau Deutschlands einem gewissen Abschlufs entgegen, und viele der überschüssigen Kräfte, die bisher in der inneren Kolonisation Beschäftigung gefunden hatten, wurden nun für die äufsere verfügbar. Während des 10., 11. und 12. Jahrhunderts hatte sich die Bevölkerung schnell ver- mehrt, vielleicht, wie einige meinen, auf das Drei- oder Vierfache; gleichzeitig waren die Urwälder, die noch zur Zeit der ersten


