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Weichsel. Von da rückten sie allmählich weiter westwärts vor, zu- nächst zum Rhein und zur Donau, dann, während der sog. Völker- wanderung, bis zur Meerenge von Gibraltar, ja noch darüber hin- aus bis zum Nordrande von Afrika. Dieser Auszug gen Westen bewirkte jedoch, daſs sie ihre alten Sitze östlich der Elbe preisgaben und den benachbarten Slaven und Preufsen als mühelos zu erringende Beute in die Hände fallen lielsen. Wie es scheint, haben die Deutschen bei ihrem Abzug das Land dort nahezu völlig geräumt; nur wenige, unsichere Spuren weisen noch darauf hin, dals vielleicht hier und da, an Havel und Spree, an Oder und Weichsel kleine Reste von ihnen zurückgeblieben und mit den einwandernden Fremdlingen verschmolzen sind. Nun bildeten also, seit dem 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Böhmerwald, Saale und Elbe im wesentlichen die Grenze zwischen Deutschen und Slaven, und so blieb es bis auf die Zeit Heinrichs I. Da aber, ungefähr seit 920, begann der Strom deutschen Lebens, der viele Menschenalter hindurch nach Westen gezogen, wieder nach seiner alten Heimat zurückzufluten und zuerst mit einzelnen schwachen Vorstöfsen, bald aber ohne Unterbrechung und mit aller Gewalt sich gegen Osten zu wenden und in ungeheurer Breite, von den Alpen bis zur Ostsee, die bisherigen Grenzen zu überschwemmen. Allerdings ging, was Heinrich I. und Otto der Groſse in langwierigem Kampf den Slaven abgerungen hatten, im Unglücksjahre 983, beim Tode Ottos II, zum gröfsten Teile wieder verloren. Aber das Ziel, das sich jene Könige gesteckt hatten, die Unterwerfung und Bekehrung der slavischen Grenzvölker, pehielten wenigstens die ostdeutschen Fürsten und ganz besonders die sächsischen Herzoge seitdem fest im Auge. Und kaum war einer von ihnen, Lothar von Supplinburg, im Jahre 1125 zum deutschen Kaiser er- hoben, da nahmen sie mit gröfserer Thatkraft als je zuvor die Er- oberung und nun auch, im Unterschied von der früheren Zeit, die Kolonisierung des slavischen Ostens in Angriff. Albrecht der Bär, Sachsens Markgraf, und Heinrich der Löwe, Sachsens Herzog, er- zielten in ruhmvollem Wetteifer die grolsartigsten Erfolge, jener in der heutigen Mark Brandenburg, dieser in Holstein und Mecklen- burg. Doch auch in Meilsen und den thüringischen Marken, die man seit Heinrich I. glücklich behauptet hatte, regte sich jetzt neues Leben, und nicht lange, so waren auch Pommern, Schlesien, Polen, Preufsen und Livland in den Strudel der grolsen Bewegung gezogen und wurden die Ziele einer friedlichen oder kriegerischen


