Das tiefere Verständnis, das unsere Zeit im Gegensatz zur Ver- gangenheit jeder Erörterung sozialer und wirtschaftlicher Fragen entgegenbringt, und die lebhafte Teilnahme, die solche Erörterungen vielfach da finden, wo ehedem ibnen gegenüber kühle Gleichgültigkeit herrschte, haben auf dem Gebiete der deutschen Geschichte die erfreuliche Folge gehabt, dals man neuerdings unter anderm auch insbesondere unser Mittelalter weit sorgsamer als früher nach den wirtschaft- lichen Grundlagen des damaligen Volkslebens untersucht und dadurch einen viel klareren Einblick in die Entwickelung unseres Volkes während jener Zeiten gewonnen hat. Dabei ist namentlich ein Vor- gang erst in die richtige Beleuchtung gerückt worden, dessen Bedeutung bisher durchaus nicht so, wie er es verdient, gewürdigt zu werden pflegte, nämlich die, wesentlich im 12. und 13. Jahr- hundert durchgeführte, Besiedelung des jetzt deutschen Landes jen- seit der Elbe und des Böhmerwaldes. Die Menge des kürzlich ge- wonnenen Materials, auf Grund dessen dieser Vorgang als das erstaun- lichste Ereignis unserer Geschichte bis zum Anbruch der Neuzeit be- zeichnet werden muss, mag es rechtfertigen, wenn die folgenden Zeilen den Versuch machen, die Ergebnisse der neueren Arbeiten über die ostdeutsche Kolonisation in einem knappen Umriſs zusammenzufassen, wenigstens insoweit, als sie auf die Gründung der nordöstlichen Städte Bezug haben.
1. Verlauf der nordostdeutschen Kolonisation im allgemeinen.
Den weiten Raum, den die Stämme deutscher Zunge gegen- wärtig im Herzen Europas einnehmen, haben sie einst auf eine Art und Weise in ihren Besitz gebracht, die wohl nirgends auf der Erde ihresgleichen findet. Ursprünglich, in vorhistorischer Zeit, salsen die Deutschen wahrscheinlich zwischen der Elbe und der
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