Aufsatz 
Über Konzentration des Unterrichts
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

Ganzes zu bearbeiten, welches in den niederen Klassen das Leichtere der betreffenden Wissenschaft, in den folgenden das Schwerere enthält; also Fortbewegung in konzentrischen Kreisen oder cyklischen Kursen, d. h. die folgenden Kurse ergänzen und erweitern das Unterrichtsgebiet.

Soll die Konzentration der Unterrichtsfächer wirklich fruchtbringend wirken, so dürfen diese nicht in das Verhältnis dienender Abhängigkeit zu einander gebracht werden, sondern jedem muss seine ge- sonderte Stellung und Selbständigkeit im Organismus der Schule bewahrt bleiben. Es darf eben kein Fach als ein minderwertiges einem andern gegenüber erscheinen. Bei der unterricht- lichen Bearbeitung eines Stoffes ist vielmehr darauf hinzuarbeiten, dass nur die ungesucht sich ergeben- den Verbindungen mit andern Lehrgegenständen hergestellt werden. Nur eine natürliche Vereinigung, eine innerliche geistige Verschmelzung und nicht ein mechanisches Aneinanderschieben oder gar eine künstliche Zusammendrängung der Stoffe dienen der Entwickelung einer einheitlichen Gesinnung, dieser notwendigen Grundlage eines geschlossenen Charakters, und erzeugen Interesse an der Arbeit.Im Geiste des Lehrers muss der gesamte Lehrstoff alsorganisierte Materie vorhanden sein; hier muss der Geist das unzählige Einzelne zu einem lebensvollen Gesamtbesitze zusammengefasst haben, welcher der Persönlichkeit das Gepräge der Bildung gibt, die als bestimmende Macht bis in die äusseren Bewegungen hinein reicht.(Ritter, Erz.- u. Unterrichtsl. f. Höh. Mädchensch.)

Die Konzentration erfordert vor allem die Verbindung des muttersprachlichen Unter- richtes mit dem Unterrichte in den sogenannten Realien, also in Geschichte, Geographie und Naturkunde. Die Schüler sollen sich in den einzelnen Fächern des Sachunterrichtes nicht nur sichere Kenntnisse erwerben, sondern sie sollen durch diesen Unterricht auch folgerichtig denken und reden lernen. Auf der anderen Seite soll der Sprachunterricht seine Stoffe aus dem Sachunterrichte entnehmen. Die unbefriedigenden Ergebnisse des sprachlichen Unterrichtes rühren häufig daher, dass man, dem systematischen Aufbau des rein sprachlichen Unterrichtsstoffes zuliebe, den Sprachunterricht von dem Sachunterricht absondert. Infolgedessen wird der Sprachunterricht leicht zu abstrakt und trocken für die Schüler, während der Sachunterricht an Klarheit einbüsst.

Nicht genug kann man die Forderung betonen, dass der deutsche Leseunterricht unter Anlehnung an den Sachunterricht betrieben werde. Das Lesebuch soll aber nicht als Leitfaden für die Realien dienen, soll auch nicht den gesamten realistischen Unterrichtsstoff enthalten, sondern muss einen solchen Inhalt haben, der es zu einer Quelle sittlich-religiöser und nationaler Bildung macht. Diese Eigenschaft erhält es, wenn es eine Auswahl aus dem Besten des Geistesschatzes unseres Volkes bietet. Die Lesestücke sowohl die prosaischen als auch die poetischen sind auszuwählen mit Rücksicht auf den in der betr. Klasse zu behandelnden sachlichen Unterrichtsstoff, mit Rücksicht auf ihren sprachlichen Wert und das Verständnis der betr. Altersstufe. Der so ausgewählte Lesestoff ist nun planmässig mit den anderen Unterrichtsgegenständen in Verbindung zu setzen. Er soll nicht gerade dasselbe darbieten, was im übrigen Unterrichte behandelt wird, sondern Erweiterungen, Ergänzungen hiervon. Es empfiehlt sich z. B., auf der Unterstufe einer Höheren Mädchenschule im Anschlusse an die Durchnahme der oberrheinischen Tiefebene Lesestücke wie:Der Rhein v. Gude,Die Weinlese am Rhein v. Riehl,Am Fluss v. Noll und Gedichte wie:Sonntags am Rhein v. Reinick,Es klingt ein heller Klang v. Max v. Schenkendorf zu behandeln. Die Lesestücke müssen, wenn möglich, inhaltlich im Sachunterrichte vorbereitet werden. Wenn der Lehrer dann dafür Sorge trägt, dass die mechanischen Schwierigkeiten des Lesestoffes weggeräumt werden, so erweckt er Interesse an den Lesestücken und beugt dem gedankenlosen Lesen vor. Die poetischen Stücke sollen besonders der Gemüts- und Geschmacks- bildung dienen; sie sollen daher den Kindern die schönsten und reinsten Formen der deutschen Sprache vor Augen führen, sollen aber auch so beschaffen sein, dass sie dichterisch aussprechen, was im Geiste des deutschen Volkes lebt. Sie eignen sich daher sehr gut zu Ergänzungen des prosaischen Lesestoffes, und es ist wünschenswert, dass die inhaltlich verwandten poetischen und prosaischen Stücke auch im Lesebuche räumlich zusammenstehen.

Das Lesen soll auch im Mittelpunkte alles Sprachunterrichtes stehen. Sprachlehre, Rechtschreiben, Aufsatz und Litteraturkunde sollen sich an jenes anlehnen. Nur am Schlusse eines Unterrichtsabschnittes lässt sich die Bildung einer selbständigen grammatischen oder litteraturkundlichen