Aufsatz 
Über Konzentration des Unterrichts
Entstehung
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soll. Konzentrationsloser Unterricht sorgt nicht für schlagfertige Verwertung des Erlernten; da nämlich die Vorstellungen sich nicht mit einanderbefreunden, können sie sich auch nicht gegenseitig tragen und wachrufen.

Der erziehende Unterricht sucht den kindlichen Gedankenkreis so zu gestalten, dass er die Grund- lage religiös-sittlichen Wollens bilden kann. Er will also nicht einseitig den Verstand des Kindes bilden, sondern auch auf dessen Gemüt und Willen einwirken, oder kürzer ausgedrückt er will den Geist harmonisch ausbilden. Diese Wirkung kann aber unmöglich ein Unterricht haben, welcher zwischen den Fächern strenge Grenzen zieht; denn zur Gewinnung klarer Begriffe und festbestimmter Grundsätze müssen eben Ergebnisse verschiedener Fächer mit einander verknüpft werden. Der einseitige Fach- unterricht geht nur darauf hinaus, sicher und schnell das für einen bestimmten Zweck nötige Mass von Kenntnissen und Fertigkeiten zu übermitteln.Nicht im Wissen, sondern im Willen liegt aber der Wert des Menschen.(Herbart.) Der Unterricht unserer Erziehungsschulen gibt daher allem Lernen die Richtung auf die Bildung des Willens. Es ist ihm in erster Linie darum zu tun, eine lebendige, bleibende Teilnahme für die geistigen Dinge in dem Zöglinge zu erwecken; er will also den Geisteszustand bei ihm hervorrufen, welchen man so treffend mit dem WortInteresse bezeichnet. Wahre Bildung besteht in gleichschwebendem vielseitigen Interesse. Da aber kein Lehrstoff für sich allein geeignet ist, ein solches zu wecken, so müssen eben alle Unterrichtsstoffe Hand in Hand gehen, um eine möglichst vielseitige Bildung und einen daraus hervorgehenden sittlich gefestigten Charakter zu erzeugen.

Um eine Zersplitterung der Kindesseele zu verhüten, muss der Lehrplan jede nicht unbedingt nötige Vermehrung der Vorstellungsreihen vermeiden und sich davor hüten, sachlich Verbundenes zu trennen, so lange eine Trennung nicht durchaus angezeigt erscheint. Besonders ist beim Eintritt der Kinder in die Schule das Zusammenhalten des sachlich Zusammengehörigen notwendig, weil auf dieser Stufe der Geist noch völlig unfähig ist, mehreres, was nebeneinander getrieben wird, zur Einheit zu verschmelzen.*) Der Unterricht des ersten Schuljahres vollzieht sich in drei Reihen, nämlich: Religion, Deutsch(mit heimatkundlichem Anschauungsunterricht, Singen und Schreiben), Rechnen. Vom 2. Schul- jahre ab wird das Schönschreiben selbständig betrieben, und im 3. Schuljahre tritt die Heimatkunde als besonderes Fach auf. Entsprechend der gesteigerten geistigen Kraft der Kinder tritt das letztgenannte Unterrichtsfach vom 4. Schuljahre ab in 2 und später in 3 Fächer auseinander und wird auch der Sprachunterricht durch das Auftreten des Französischen zweireihig. Abgesehen von den technischen Fertigkeiten, kommen dann eigentlich nur noch zwei neue Reihen hinzu, nämlich Englisch im 7. und Raumlehre im 8. Schuljahre.

Zur praktischen Durchführung der Konzentration ist erforderlich, dass nur solcher Lehrstoff ausgewählt wird, der auch wirklich ein Faktor allgemeiner Bildung ist. Zu umfang- reicher Stoff tötet die Lernlust und vereitelt den Bildungserfolg. Der Lehrer darf nicht den Kindern alles bieten wollen, was er selbst weiss, oder was der Leitfaden enthält. Alles Unwesentliche, welches nicht dem fortschreitenden Ausbau des Vorstellungskreises dient und keinen Einfluss auf die Gestaltung der Willensregungen ausüben kann, ist von der Darbietung auszuschliessen. Der mit weiser Beschränkung auf das wirklich Wertvolle und Unentbehrliche sorgfältig ausgewählte Lehrstoff muss in einer Anordnung dargeboten werden, welche die Erzeugung eines einheitlichen Gedankenkreises begünstigt. Ausser der schon aus allgemeinen pädagogischen Gründen geforderten Rücksichtnahme auf die Entwickelungsstufe der Kinder und die von der betr. Schule zu lösenden Aufgaben müssen besonders die gleichzeitig ge- lehrten Fächer beachtet werden. Es ist also bei der Aufstellung des Lehrplanes sowohl das Nacheinander als auch das Nebeneinander der Lehrstoffe gehörig zu berücksichtigen. Daraus folgt, wie Lindner in seinerAllgemeinen Unterrichtslehre treffend bemerkt, dasseine Wissenschaft nicht in der Weise auf die einzelnen Klassen zu verteilen ist, dass eine Klasse nur einige Abschnitte und die folgenden die übrigen Abschnitte derselben behandeln, sondern in jeder Klasse ist möglichst aus allen Kapiteln einer Disciplin das für die Fassungskraft der Schüler Geeignete auszuwählen und so in jeder Klasse ein relativ

*) Die nachfolgenden Angaben beziehen sich auf den Lehrplan der Höheren Mädchenschule.