Aufsatz 
Das Verhältnis von Goethes "Romeo und Julia" zu Shakespeares gleichnamiger Tragödie / von G. R. Hauschild
Entstehung
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M 843.

M 867.

M 1039 f.

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In Sh II, 2, 843 ¹) heißt es: In truth faire Montague I am too fond. Bei S und E fand Goethe dafür:Gewiß, mein Montague, ich bin zu herzlich, bei W:liebenswürdiger M., bei den E:edler. Die matteste und in diesem Falle unpassendste Ubersetzung bietet 8; denn sie mutet der Julia eine Vertraulichkeit in der Anrede zu, wie sie sonst nur eine ver- heiratete Frau sich ihrem Eheherrn gegenüber erlauben darf. W läßt Julien ein Epitheton in der Anrede gebrauchen, welches ein junges Mädchen beim ersten Sehen eines ihr vorher fremden Jünglings gewiß auch heute noch nicht gebrauchen würde; die E dagegen sind wieder zu steif, und ihr Ausdruck ist im Verkehr zwischen zwei jungen Leuten auch nicht gewöhnlich und angebracht. So hält sich denn G., der gelernt hat, daß fairschön heißt, an den Urtext und überläßt diesem die Verantwortung für die Angemessenheit der Anrede, indem er übersetzt:Ja, schöner Montague, ich bin zu herzlich. In Sh II, 2, 867 liest M: sweete goodnight: D und R und die andern von mir verglichenen Ausgaben, auch Malone, (s. S. 7.) lesenSweet, good night! S übersetzt:Schlaf süß! Die E geben es mit:gute Nacht, Theurer! Emit:g. N., mein Theurer! W mit:g. N., mein Liebster! Goethe dagegen übersetzt goodnight mit dem herzlicheren und persönlicher bezogenenSchlaf wohl, nimmt sweet' nicht, wie S, als adverbales Adjektiv, sondern als Substantiv in der Anrede, und übersetzt nun ganz frankfurterisch, wie er es von seiner Mutter beim Gutenacht-Kuß so oft gehört haben mochte:mein Süsser!Mein Liebster zu nehmen verbot ihm der gewiß damals schon gesunkene Wert dieser Zusammenstellung, währendTheurer odermein Theurer zwischen so jungen, in Liebe geratenen Leuten noch zu steif und kühl klingen würde. Mit seiner Übersetzung ist also Goethe wieder bei der Grund- und Hauptbedeutung von seweet geblieben, und hat mit ihr doch zugleich das ausgedrückt, was er hier als die passendste Bedeutung fühlte, weil es dem auch ihm nach seinen Leipziger Briefen wohl bekannten sweetheart entsprach. Sh II, 3, 1039 f.:

For this alliance mag so happie prove, To turn Jour housholds rancor to pure love

lautet bei S: Vielleicht daß dieser Bund zu großem Glück sich wendet,

Und eurer Häuser Groll durch ihn in Freundschaft endet.

Das klingt zwar sehr schön, ist aber doch bedenklich: denn(1.) wenn der Bund der zwei Liebenden, für die ja doch dessen(von ihnen freilich erst angestrebte) Schließung(schon jetzt) ein großes Glück ist, sich erst zu großem Glück wendet, dann war er bis jetzt für sie noch kein Glück, wenigstens kein großes; und wenn er es war, dann muß es noch ein großes Glück geben, zu dem er sich wenden kann. Das hat Goethe wohl empfunden und deshalb aus demgroßen Glück in S einhöchstes Glück gemacht. Doch das ließe sich noch ertragen, hätte auch mit Sh an sich nichts zu tun:(2.) was soll aber das heißen, daß der Häuser Groll durch diesen Bundin Freundschaft endet? Beiin Freundschaft kann das Substantiv hier schon wegen desdurch ihn doch nur im Dativ gedacht werden: wenn nun der Groll in(der) Freundschaft endet, sein Ende nimmt, erreicht und hat, dann ist er noch da, und zwar in der Freundschaft: wie die Blüte, die sich zur Frucht ausreift,

⁴⁵) Die englischen Zitate sind immer nach Mommsen(M) gegeben. W bedeutet die Wielandsche, Ei die erste echte, E* die zweite echte Ausgabe der Eschenburgischen Ubersetzung, E den Mannheimer Nachdruck.