Wenige Jahre nach dem Abschluß der vollständigen Shakespeare-Obersetzung Eschen- burgs geschah„ein wichtiger Schritt über Wieland und Eschenburg hinaus allein schon da- durch, daß man rüstig Anstalt machte, den Dichter zu begleiten durch allen Wechsel der verschiedenen Formén hindurch, die er den einzelnen Teilen seines Dramas schicklich angepaßt hatte.¹¹²½) Dieser Schritt wurde von Bürger und A. W. Schlegel im Jahre 1789 durch ihre im Ganzen gemeinschaftliche, im Einzelnen geteilte poetische Ubersetzung des„Sommer- nachtstraumes“ getan, von der das größere Stück im Anfange des zweiten Aktes freilich erst „durch Schlegels Vermittlung 1797 in die Allgemeine Literaturzeitung Nr. 347 gelangte“ ¹³) und so bekannt wurde.
Nachdem aber Schlegel noch während seines Amsterdamer Aufenthaltes am„Romeo“ und am„Hamlet“ weiter gearbeitet und Bruchstücke dieser Ubersetzungen an seinen Bruder Friedrich gesandt hatte, ¹⁴) ergriff er während seines Braunschweiger Aufenthaltes den„Romeo“ von neuem und konnte schon am 1. März 1796 Schillern die ersten drei Szenen aus dem zweiten Akte des R. schicken, mit denen alsbald das Märzheft der Horen geschmückt wardis). Im vierten Stück aber dieser Zeitschrift vom selben Jahre erschien von ihm„Etwas über William Shakespeare bei Gelegenheit Wilhelm Meisters“, worin er„die Motive zu einer neuen poetischen Ubersetzung, sowie die dabei zu beobachtenden Grundgesetze“ dargelegt ¹⁶) hat. Sie sind in bezug auf den dramatischen Dialog, das Versmaß, die Sprache des Originals, sowie das Verhältnis der Ubersetzung zum Original bezw. des Ubersetzers zum Dichter eingehend dargestellt in Bernays„Zur Entwickelungsgeschichte usw.“ S. 98 ff.
Die beiden Weimaraner fühlten sofort, was für eine große literarische Umwälzung die Tatsache herbeiführen mußte, daß Shakespeare durch die Schlegelsche Ubersetzung auch zu einem deutschen Dichter gemacht worden war, und, wie durch eine Behandlung Shake- speare'scher Stücke für die deutsche Bühne eine neue Epoche für diese eingeleitet werden könnte.¹*) Nachdem man(Ostern 1797) im ersten Bande„Romeo“ und den„Sommernachts- traum“ in möglichst vollständiger und wort- und sinngetreuer UÜbersetzung bekommen und schätzen gelernt hatte, sah man schon mit gespannter Erwartung ihrem nächsten Stücke entgegen:„Der ältere Schlegel,“ schreibt Goethe an Knebel vom 28. März 1797,„arbeitet an einer Ubersetzung des J. Cäsar von Shakespeare, und indem ich so sehr Ursache habe, über die Natur des epischen Gedichts nachzudenken, so werde ich zugleich veranlaßt, auch auf das Trauerspiel aufmerksam zu sein“. ¹s) Zu fast derselben Zeit aber, in der er Schlegeln unterm 16. Dezember 1797 dankt:„Mit sehr viel Vergnügen habe ich gleich nach meiner Ankunft den 2. Teil Ihres Shakespeare erhalten und gelesen,“ ¹⁹) legt er Schillern unterm 29. November 1797 ans Herz:„Ich wünsche sehr, daß eine Bearbeitung der Shakespearischen Produktionen Sie anlocken könnte. Da so viel schon vorgearbeitet ist und man nur zu reinigen, wieder aufs neue genießbar zu machen brauchte, so wäre es ein großer Vorteil.*²⁶)
¹²) M. Bernays, Zur Entstehungsgeschichte des Schlegelschen Shakespeare(Leipzig 1872, Hirzel), S. 76.— ¹³) Ebenda S. 53.— ¹⁴) Ebenda S. 89.— ¹⁵) Ebenda S. 98.— 1⁰) R. Genée, Geschichte der Shakespeare- schen Dramen in Deutschland(Leipzig 1870, Engelmann), S. 293.— Vgl. auch Bernays, der Schlegel-Tiecksche Shakespeare im Shakespeare-Jahrbuch I, S. 396 ff.
¹⁷) Schillers Briefwechsel mit Goethe III, S. 290 f.
¹8) Briefe W.-A. XII, S. 81.— ¹⁹) Ebenda S. 379.— Der zweite Teil enthielt:„J. Cäsar“ und„Was
ihr wollt.“— ²⁰) Ebenda S. 366 f.


