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Shakespeare befestigten“.') Außer Lenz und Herder, der, als glücklicher Bräutigam, namentlich für„Romeo und Julie“ schwärmte, hatte sich aber ganz besonders Goethe„durch die fortdauernde Teilnahme an Shakespeare’schen Werken den Geist so ausgeweitet, daß mir der enge Bühnenraum und die kurze, einer Vorstellung zugemessene Zeit keineswegs hin- länglich schienen, um etwas Bedeutendes vorzutragen“ und„meine Einbildungskraft dehnte sich dergestalt aus, daß auch meine dramatische Form alle Theatergrenzen überschritt, und sich den lebendigen Ereignissen mehr und mehr zu nähern suchte“.²) Dieses von Shakespeare's Darstellungs- und Gestaltungsart so beeinflußte Werk war der erste„Götz von Berlichingen“. Das Manuskript teilte er„Merck mit, der verständig und wohlwollend darüber sprach; ich sendete es Herder zu, der sich unfreundlich und hart dagegen äußerte“. ¹⁰) Hierauf bezieht sich Goethe in dem Mitte Juli 1772 aus Wetzlar gerichteten Brief an Herder: ¹¹*)„Die Definitiv, daß Euch Shakespeare ganz verdorben“ usw. erkannt ich gleich in ihrer ganzen Stärke; genug, es muß eingeschmolzen, von Schlacken gereinigt, mit neuem, edlerem Stoff versetzt und umgegossen werden. Dann solls wieder vor Euch erscheinen.“
Solche Bedenken über die Unverträglichkeit der Darstellung eines ganzen Shake- speare'schen Stückes mit den veränderten Zeit- und Geschmacksrichtungen, mit den anders gearteten Theater- und Bühnen-Einrichtungen und-Anforderungen, mit den für Volksgeist und Sprachcharakter nun einmal bestehenden Unterschieden und Verschiedenheiten, mit den hier und dort ausgeprägten und festgehaltenen Bedingungen und Verhältnissen des äußern und innern Lebens und dergl. haben nun Goethen festgehalten und in seinem Verhalten gegenüber ausländischen und fremdsprachlichen literarischen Erzeugnissen überhaupt bestimmt.
Die Shakespeare-Bewegung, welche auf der einen Seite zum Teil von selbst schon wieder abzuflauen begonnen hatte, auf der andern Seite aber auch mit bewußter Absichtlich- keit aufzuhalten oder einzudämmen versucht worden war, kam von neuem in Fluß, als „William Shakespeare’'s Schauspiele. Neue Ausgabe von J. J. Eschenburg, Professor am Collegio Carolino in Braunschweig“ in Zürich bei Orell, Geßner, Füßli& Comp. von 1775— 1777 (bezw. 1782) erschienen waren. Wie die Wielandsche nur den„Sommernachtstraum“ in poetischer Ubertragung geboten hatte, so enthielt die Eschenburgsche nur„Richard III.“ im Versmaße des Originals. Aber trotzdem bezeichnete diese neue Übersetzung doch einen bedeutenden Fortschritt: nicht bloß in bezug auf die größere Zahl der übersetzten Stücke (36 gegen 22), nicht bloß in bezug auf die bessere textliche Unterlage(Johnson and Steevens, London 1773 gegenüber Pope and Warburton, 1747), sondern auch, weil Eschenburg erfüllte, was Wieland von seinem Nachfolger bezw. Fortsetzer erwartet hatte:„Der Verbesserer wird nur zu manche Stellen, wo der Sinn des Originals verfehlt oder nicht gut ausgedrückt worden, und überhaupt vieles zu polieren und zu ergänzen finden“. Daß Eschenburg in diesem Sinne gearbeitet hatte, bezeugte ihm Wieland nach den ersten 4 Bänden freiwillig und gern in„Teutscher Merkur von 1775, II, S, 286“ mit den Worten: Mit wahrem Vergnügen eile ich, die ersten Teile der neuen verbesserten und vervollständigten Ausgabe des größten, lehrreichsten und unterhaltendsten Schauspieldichters, der je gewesen ist und vermutlich sein wird, anzuzeigen. Wer ihn nicht englisch lesen kann, müßte sich selbst Feind sein, wenn er säumen wollte, sich diesen deutschen Shakespeare anzuschaffen“.
) Goethes Werke, W.-A.-28, S. 74.— ⁹) Ebenda S. 197.— ¹⁰) Ebenda S. 198.— 1¹¹) Briefe, W.A. II., S. 19.


