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einem neuen Romeo gemacht weil mir Weissens seiner beym Durchlesen gar nicht ge- fallen hat; Gott bewahre einen für der Idee ihn auszuführen.
Un si penible ouvrage Jamais d'un ecolier ne fut l'apprentissage.
Und ich binn dem Himmel sey Danck noch ecolier per omnes casus.“ Noch deutlicher schreibt er aber an Behrisch vom 24. Oktober 1767(ib. S. 124):„Ich habe durch mein undeutliches Schreiben den Mißverstand verursacht, daß du„Roman“ für„Romeo“ gelesen hast. Ja, mein wehrter Critikus, ich binn so frey gewesen einen neuen Plan zu Romeo und Julie zu machen, der mir besser scheint als Weissens) seiner, doch das in parenthesi, unter uns. Es wäre ein verfluchter Stolz wenn ich's laut sagte.“ Dieser Weissesche Romeo, der freilich auch vielerorts auf lange hinaus mit Erfolg aufgeführt wurde, lag ihm noch 1771 so im Sinn, daß er im Sommer dieses Jahres aus Straßburg an Herder schreiben(ib. S. 256) konnte:„Alle Gleichnisse aus Weissens„Julie“ von Mehlthau, Maifrost, Nord und Würmern können die Landplagen nicht ausdrücken, die Kästners Schlangenstab über den treuherzigen Jung gedeckt hat.“ Dieser Brief ist aber außerdem noch ganz besonders dadurch wichtig, daß wir aus ihm erfahren, daß Goethe an Herder einen(Band?) Shakespeare schickt:„Hier ist Shakespeare. Es war mir leichter ihn zu haben, als ich glaubte; in einem Anfall von hypochondrischer Großmut hätte mir mein Mann die Haare vom Kopf gegeben, besonders da es für Sie war.“ Auf jeden Fall tritt von nun an der ganze wirkliche Shakespeare, und was über ihn handelt oder sich auf ihn und seine Stücke bezieht, bei Goethe in seine wohl- verdienten Rechte ein. Das sehen wir schon aus einem Frankfurter Briefe vom Herbst 1721, der an Herder(ebd. II,S. 4) gerichtet ist, und in welchem dieser zur Feier von Shakespeare's Namenstag auf den 14. Oktober eingeladen wird:„Eschenburg ist ein elender Kerl. Seine UÜbersetzung(der Stellen Shakespeare's versteht sich) verdient keine Nachsicht; sie ist ab- scheulich.⁰) Die Abhandlung selbst habe ich nicht gelesen, werde auch schwerlich. Schicken Sie mir Ihre auf den 14. Oktober. Die erste Gesundheit nach dem Will of all Wills soll auch Ihnen getrunken werden. Ich habe schon dem Warwickshirer ein schönes Publikum zusammen gepredigt.“
Nachdem Wieland 1762— 1766 zweiundzwanzig„Theatralische Werke Shakespeare's“ aus dem Englischen in deutsche Prosa übersetzt⁴) geliefert hatte,„ward sie verschlungen, Freunden und Bekannten mitgeteilt und empfohlen“?) und„Shakespeare wirkte in unsrer Straßburger Societät, übersetzt und im Original, dergestalt, daß wir uns nach und nach in
4) Gemeint ist C. F. W eisse,(nicht F. C., wie man manchmal lesen kann), Trauerspiele 4. Teil, Leipzig, Dykische Buchhandlung. Als Erscheinungsjahr der ersten Auflage wird gewöhnlich 1768(im„Beytrag zum deutschen Theater“, Bd. V, und als Sonderausgabe) angegeben. Wenn das richtig ist, muß Goethe, da er vom „Durchlesen“ spricht, das(Bühnen-) Manuscript Weißes haben benutzen können. Auf jeden Fall hatte man das Stück schon vor dem Druck in Leipzig aufführen lassen.
³) Gemeint ist wohl nicht bloß:„Ober Shakespeare's Genie und Schriften,“ zum Teil von Eschenburg aus dem Englischen übersetzt, zum Teil um Beiträge von ihm selbst vermehrt; noch zu finden in„Uber W. Shakespeare“. Von J. J. Eschenburg. VZürich 1787, Orell, Geßner, Füßli& Comp.— sondern auch dessen„dramatische Bibliothek“, wo sich solche„Obersetzung“(auch aus Dramen und nicht bloß von Sonnetten) findet.
⁶) Romeo und Juliette war(1766) das 18. Stück der Sammlung.
²) Goethes Werke, W.-A. 28, S. 73.


