Aufsatz 
Beiträge zu einem Quellenlesebuche für die Kirchengeschichte
Entstehung
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XXII

Wenn dein Gesetz sich geirrt hat, so kommt es. glaube ich, daher daß es von Menschen verfaßt ist; denn es ist nicht vom Himmel gefallen. Oder wißt ihr nicht selbst, daß Menschen haben irren können bei der Verfassung eines Gesetzes und wieder zur richtigen Einsicht haben kommen können bei der Verwerfung desselben?.... Wenn daher Gesetze sich nachträglich als ungerechte herausstellen, so werden sie mit Recht verurteilt, mag auch in der Strenge ihrer Handhabung ein Beweis für ihre Richtigkeit gesucht werden. Wie sage ichungerecht? nein! dumm, wenn sie nur den Namen bestrafen. Wenn sie aber die Thaten bestrafen, warum bestrafen sie dann bei uns allein auf den Namen hin das als Thaten. was sie bei andern erst bestrafen, wenn es als wirklich begangen erwiesen ist, und nicht schon darum, weil es(im Protokoll) genannt ist?

Bin ich ein Blutschänder, warum untersuchen sie es nicht? bin ich ein Kindermörder, warum bringen sie es nicht heraus? verfehle ich mich gegen Götter oder Cäsaren, warum hört man mich nicht, da ich Gründe genug habe, um mich zu rechtfertigen? Kein Geset⸗z verbietet das zu erörtern, was es verbietet zu thun; kein Richter ahndet recht, wenn er nicht erkennt, daß etwas begangen wurde, was nicht erlaubt ist: kein Bürger gehorcht dem Gesetze in Treuen, wenn er nicht weiß, was das ist, was es rächt.

m) Die Gesetze müssen in sich selbst moralisch begründet sein.

Kein Gesetz ist sich allein für das Bewußtsein seiner Gerechtigkeit verpflichtet, sondern auch denen, von denen es Gehorsam erwartet. Ein Gesetz ist verdächtig, welches sich nicht prüfen lassen will; es ist schlecht, wenn es noch herrscht, ohne die Prüfung bestanden zu haben... Unsre Verfolger sind immer solche Leute(wie Nero und Domitian) gewesen: Ungerechte, Gottlose, Schandbuben, als welche ihr sie auch selbst zu verdammen gewohnt seid, indem ihr die von ihnen Verurteilten wieder in den vorigen Stand einzusetzen pflegt.... Was sind das also für Gesetze, die gegen uns nur Gottlose, Un- gerechte, Schandbuben, Finsterlinge, Gecken und Narren ausführen? die ein Trajan teilweise aufhob, indem er die Christen aufzusuchen verbot; die kein Hadrian. obgleich er sich sonst um alle Kleinigkeiten kümmerte, kein Vespasian, obgleich er die Juden endgiltig besiegte, kein Pius und kein Verus besiegelt hat!

3. Wie ein juristischer Augenzeuge über die mit Christen angestellten Verhöre urteilt. Oclavius bei Minucius Feliæ(s. u.) 28. 15.

Wie unbillig es ist, über Unerkanntes und Unerforschites so zu urteilen. wie ihr es thut, das müßt ihr zu unserm Leidwesen uns selber glauben. Denn auch wir haben einst dasselbe gethan; wir hatten, so lange wir noch blind und stumpf waren, dieselbe Ansicht wie ihr: daß die Christen Ungeheuer verehrten, Kinder verzehrten und bei ihrem Mahle unzüchtige Dinge trieben.

Wir merkten lange nicht, daß diese Fabeln immer nur dem Wortlaut nach erörtert und niemals auf ihren Thatbestand hin untersucht und geprüft wurden; auch daß in so langer Zeit noch niemand aufgetreten war, der die Sache verraten hätte, um nicht nur Verzeihung für das Geschehene, sondern auch Belohnung für die Anzeige zu erhalten; ferner daß es gar nicht So schlecht war, wenn ein Angeklagter sich weder schämte noch fürchtete zu gestehen. daß er ein Christ sei, und daß er nur das Eine bereute, es nicht schon früher bekannt zu haben.