Aufsatz 
Aus dem Leben der Kinder in Hellas und in Rom / Karl Joseph Hattemer
Entstehung
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Obwohl in Rom ein Geſetz beſtand, das von Romulus herrühren ſoll, wornach die römiſchen Väter ihre Kinder männlichen Geſchlechtes und die Erſtgeborenen weiblichen Geſchlechtes erziehen ſollten, und wodurch denſelben geſtattet war, nur ſolche Kinder auszuſetzen, welche in Gegenwart von fünf Zeugen für ſchwächliche und unförmlich gebildete erklärt worden waren ¹), und obwohl dieſe Beſtimmung ſpäter auch unter die Geſetze der XII Tafeln aufgenommen wurde ²), ſo übte man dennoch häufig in anderen Fällen, welche das Geſetz nicht ausdrücklich erwähnte, die ſchreckliche Grauſamkeit des Ausſetzens der Kinder, deren Loos alsdann in allen Fällen das bemitleidenswürdigſte war ³).

Auch bei den Griechen herrſchte bekanntlich dieſe Barbarei des Ausſetzens der Kinder(4&αιιϑέινιαι⁷. Viele jedoch glauben die oHeois nur bei mißgeborenen Kindern annehmen zu können), wie ſolche im gegebenen Falle in Sparta von Staatswegen geſchah ⁵5). In Theben, wo das weibliche Geſchlecht einen weit höheren Grad ſittlicher Bildung beſaß, fand ſpäter die Ausſetzung der Kinder nicht mehr ſtatt. Doch wurden häufig die Kinder armer Eltern der Obrigkeit und von dieſer irgend Jemanden zur Erziehung übergeben, dem ſie dann, wann ſie erwachſen waren, Sklavendienſte thun mußten. Aelian II. 7.

Wenn in Rom ein Vater ſich ſeines ihm geborenen Kindes annehmen und es als das ſeinige erziehen wollte, ſo hob er es von der Erde auf, oder ließ dies durch einen Andern thun(suscipere, tollere liberos, zeæve ναεεςσιαιν. Plautus und Terenz begründen ſolches an vielen Stellen; ſo auch Hor. Sat. II. 5. 45.6). Das aufgehobene und damit angenommene Kind erhielt an dem dies lustricus, dies nominum), d. h. wenn es ein Knabe war, am neunten, wenn es ein Mädchen war, am achten Tage ſeinen Namen und ſeine Weihe(lustrabatur, oder nach Terenz initiabatur). Man nahm unter gewiſſen Gebräuchen das Kind aus der Wiege, reinigte daſſelbe und befreite es damit von

1) Dionys. Antt. Rom. II. 15. Primum quidem ejus colonis necessitatem imposuit educandi omnem virilem prolem et e filiabus eas quae primogenitae essent et vetuit ne ullum foetum triennio minorem necarent, nisi si quis infans mutilus fuisset. Nam non vetuit, istiusmodi monstrosos partus a parentibus exponi, dummodo eos prius osten- derent quinque vicinis proximis, si et ipsi id comprobarent.

Die Sitte des Ausſetzens der Kinder herrſchte nicht in Aegypten, ebenſowenig bei den Juden, wie überhaupt nicht bei jenen Völkern, bei welchen das weibliche Geſchlecht einige Achtung genoß, und wo nicht beſondere politiſche Gründe vor⸗ walteten, wie in Sparta.

2) Cic. de leg. III. 8. Seneca de ira 15: Portentosos foetus exstinguimus; liberos quoque, si debiles monstro- sique sunt, mergimus.

3) Liv. XXVII. 37. Senec. de ira. Suet Oct. 65. Dio. Cass. XLV. 1. Plin. ep. X. 74. Suet. Cal. 5. Senec. Controv. IV. 26. Lactant. VI. 20, 23.

4) Aristot. Rep. VII. 16.

5) Plut. Lycurg. 16: T0 ds vννεεων oux» νεοο ιενjcas oegeiν, dll opede Jaßd els ro*ον rννπα 2εανρeσ ναοννμ⁵εένον, εν mινπμενοιι τυ ν συεενν οεαςετxτο. aœε‿⁴ααμκαέννυνες τ nraι⁴ον, t ueν surrxy eiih xd dεαααεον, τοενιςσεν ενεεενον, νοωνõ ατ rνν sveνκ̈ανιρν xroocveiuxνes si d αyevpee ud νμοοον, dντπιμρειμπον eis rde Teyoέν ναν αμeκεᷣrxς, αο Tæueroy Saοσασιοα⁴ν τmπον.

6) Lambin bemerkt zu dieſer Stelle: Patres, si filios sibi natos alere vellent, eos humi jacentes in genua tollere et complecti solebant; si nollent, exponi jubebant. Virg. Aen. 9, 212. Non ita me genitor Sublatum ernditt.

7) Plut. Q. R. 102. Suet. Ner. 6. Ejusdem futurae infelicitatis signum ovidens die lustrico exstitit. Arnob. III. 4.