Aaß eben unsere Schrift trotz neuer und neuester Orthographie noch keine völlig phonetische ist, daß dies im Französischen noch weniger der Fall ist und dass es damit im Englischen am allerschlimmsten steht.— Man bietet jetzt den Schülern in der Schrift etwas Neues und hält so ihr Interesse rege. Sie müssen die Wörter und ihre Verbindungen wiederholt ab- schreiben, und schneller als der Außenstehende es vermutet, lernen sie, die Laute in der von der Academie und den Sprachmeistern festgelegten Form schriftlich wiedergeben. Ja, ich vpehaupte— ein Punkt, in dem viele Fachgenossen, denen alles Neue Unbchagen bereitet, freilich anderer Meinung sind—, selbst wenn man die Lautschrift anwendet und die Kinder phonetische Uebungen machen läßt, wie ich es tat, als ich die Sexta zum ersten Male im Französischen übernahm, vollzieht sich der Uebergang zur gewöhnlichen Schrift ganz glatt und ist nicht von den geringsten üblen Folgen begleitet. Daß Fehler, sogar viele, in der ersten Zeit sich einstellen, wer wollte das leugnen? Aber stand es früher damit besser? Waren früher unsere kleinen Franzosen und Engländer sofort tüchtige Orthographen? Zur Beruhigung ängstlicher Eltern füge ich hinzu, daß wir uns im Anfange nicht so arg viel um die richtige Schreibung kümmern, wenn nur der Laut richtig festgehalten wird. Ob der Junge chaize-chaise, pafre- pere, jete-jette und Ihnliches schreibt, schert uns nicht sehr, macht uns gewissermaßen Freude. Ein chette-jette, chambe- jambe ärgert uns mehr. Und wenn wir auch den Rotstift pfichtgemäß walten lassen, bei der Béurteilung spielt die getreue phonetische Wiedergabe des Lautes immer noch die Hauptrolle.— Im Laufe eines Semesters sind die Schwierigkeiten der Orthographie in der Regel überwunden.
Das sind im großen und ganzen die Hauptzüge der. Reform, soweit die unteren Klassen, die ersten zwei oder drei Jahre, in Betracht kommen.
Schwieriger gestaltet sich die Durchführung der Reform in den späteren Jahren, Schwierigkeiten, die teils in der Sache selbst liegen, andere, die mit der Methode als solcher nichts zu tun haben. Ober jene ist man schon fast Herr geworden, und je mehr man fort- schreitet, desto geringer dürften sie werden. Zu Anfang hat man nämlich nur mit einzelnen Begriffen, mit kurzen einfachen Erzählungen zu operieren, für die ein Verständnis leicht zu erreichen ist, und der grammatische Stoff beschränkt sich im wesentlichen auf die Formen- lehre, des Deutschen kann man füglich fast ganz entraten. Ferner eignet sich wohl der neun- bis zwölfjährige Schüler für diese Übungen, denen immerhin etwas Mechanisches an- haftet, während ältere ihnen nicht mehr so willig folgen würden.
In neuester Zeit sind zwar einige sehr gute Schriften erschienen, die zeigen, wie man dasselbe Verfahren mutatis mutandis auch in den mittleren und oberen Klassen durchführen kann, und in den Versammlungen der Neuphilologen, namentlich der Wiener, ist dieser Punkt erörtert worden. Aber von einer Klärang ist eigentlich noch keine Rede. Es stehen sich hier zwei Ansichten diametral gegenüber. Die einen meinen, ohne Ubertragung des fremden Textes ins Deutsche, ohne übersetzung des Deutschen in die fremde Sprache, ahne spezielle grammatische Unterweisungen, die in der Muttersprache stattzufinden hätten, Ssei keine gründliche Sprachkennntnis zu erwerben. Die andern, die strengsten Reformer, nalten die erste Forderung für geradezu schädlich— daher auch die Reformausgaben der Texte mit Anmerkungen in der fremden Sprache und einem Glossar d. h. einem Wörterbuche, Has die selteneren Wörter durch bekanntere in derselben Sprache wiedergiebt—, die zweite für höchst zwecklos, also überflüssig und wollen die Grammatik auch im fremden Idiom


