Aufsatz 
Zum Unterricht in den neueren Sprachen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

des königlichen Provinzialschulkollegiums in unserer Schule eingeführt. Ich hatte gegen die Re- form zuerst Bedenken, nicht etwa nur sachlicher, sondern rein persönlicher Art; u. a. sagte ich mir, gedeihlich könne sie nur wirken, wenn sich sämtliche Neuphilologen der Anstalt dafür erwärmen und ihre Kraft dafür einsetzen. Als aber der frühere Direktor, Herr Dr. Hirsch, mit mir einer französischen Unterrichtsstunde des Herrn Direktor Walter in der Bockenheimer Realschule, der Hochburg der Reform, beiwohnte. war er von dem dort Gebotenen so be- geistert, daß in einer Konferenz trotz mannigfacher von mir geäusserten Einwände die Ein- führung beschlossen wurde. Seitdem wird der Unterricht bei uns im Französischen nach der neuen Methode erteilt. 1895 konnten wir anlässlich des in Frankfurt stattfindenden franzö- sischen Unterrichtskursus einer grösseren Anzahl auswärtiger Kollegen zwei Klassen vorfüh- ren, die nach dieser Methode unterrichtet wurden und schöne Fortschritte aufwiesen. Das Englische folgte erst im Jahre 1904, nachdem ich lange vergebens nach einem geeigneten Lehrbuche Umschau gehalten hatte. Das englische Seitenwerk zu Rossmann und Schmidt, dessen Gebrauch nahe lag, konnte aus Gründen, die hier unerwähnt pleiben mögen, nicht in Betracht kommen. Im English Student von Hausknecht bot sich endlich auch dem Unterricht im Englischen ein treffliches Buch. Ich füge hinzu, daß die Hölzelschen Wandbilder und die Stadtpläne von Paris und London u. a. der Anschauung dienen. Von Quarta, beziehgsw. Tertia an werden Gbungsbuch von Ploetz und Sprachlehre von Ploetz-Kares gebraucht. In der Secunda setzt stets im Französischen, in der Prima mitunter im Englischen die Schrift- stellerlektüre ein.

Was ist und will die Reform? Früher wurde im grossen und ganzen der neusprach- liche Unterricht nach dem Muster des lateinischen und griechischen erteilt. Man las, über- trug ins Deutsche, lernte Vokabeln auswendig, trieb Grammatik und übte die grammatischen Regeln durch Übersetzung deutscher Sätze. Ebenso aber wie die moderne Philologie den Kinderschuhen entwuchs und sich allmählich von der älteren und angeseheneren Schwester emanzipierte, erkannten auch viele im praktischen Schulleben stehende Männer, daß die Ziele des altsprachlichen und neusprachlichen Unterrichts sich durchaus nicht decken. Wohl streben beide ein Verständnis der Kultur des fremden Volkes an, und hierzu ist das Eindringen in die Werke seiner Dichter und Denker erforderlich, was seinerseits die Aneignung der fremden Sprache als Bedingung voraussetzt. Aber dem Unterricht einer modernen Sprache ist noch ein anderes Ziel gesteckt, der mündliche und schriftliche Gebrauch der fremden Sprache. Und dazu kommt ein Drittes, die möglichst korrekte Aussprache. Nun soll durchaus nicht in Abrede gestellt werden, daß der frühere Betrieb den zwei letzten For- derungen auch teilweise gerecht wurde, aber die grammatische Unterweisung stand doch im Mittelpunkt des Unterrichts, und Sprechübungen traten in den Hintergrund. Es kam also den Reformern vorzugsweise auf zwei Dinge an, auf die gute Aussprache und den mündlichen Gebrauch der fremden Sprache.

In den Dienst jener wird die noch junge Wissenschaft der Phonetik gestellt. Es herrschenfim Publikum ganz eigenartige Vorstellungen darüber. Man betrachtet sie einerseits als Spielerei, andrerseits als neue Qual für die Kinder. Wie steht es aber wirklich damit? Die wissenschaftliche Phonetik studiert die Sprechlaute, ihre Hervorbringung durch die Sprech- organe, und untersucht, wodurch der verschiedene Klang der einzelnen Sprachen bedingt ist. Wie kommt es, daß wir den Bayern, den Schwaben, den Sachsen sofort an seiner Sprache erkennen, ihn, der doch dasselbe Deutsch spricht wie wir? Wie kommt es, daß der Franzose,