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über die politiſchen Kontroverſen wollte, ſo gern hätte man es geſehen, wenn der Bundesge⸗ noſſe im Felde mit dem Schwerte für die Ziele der habsburgiſchen Politik eingetreten wäre. Man hatte gehofft, daß es Waldecks Gewandtheit gelingen würde, den König für eine energiſche Kriegsführung zu gewinnen, welche öſterreich die Eroberung des Elſaßes ſicherte, und es war ihm hinſichtlich der Einzelnheiten des Operationsplanes innerhalb der bei dem Hinblick auf jenes Ziel ſich von ſelbſt ergebenden Grenzen ziemlich freie Hand gelaſſen worden. Gleichwohl war es ihm nicht gelungen Preußen für die öſterreichiſchen Zwecke zu engagieren. Das einzige praktiſche Ergebnis ſeiner Sendung war der Vormarſch des preußiſchen Heeres in eine die feindliche Stellung allerdings ſtark gefährdende Poſition.
Wenn nicht mehr erreicht wurde, ſo trug die Schuld hiervon vor allem der große Irrtum der Wiener Politiker, welche meinten, daß ein rückhaltloſes einträchtiges Zuſammenwirken auf militäriſchem Gebiete einem Ausgleiche der in Konflikt geratenen politiſchen Intereſſen voraus⸗ gehen könne, daneben freilich auch die perſönliche Disharmonie der öſterreichiſchen Führer in ihren Anſichten und Beſtrebungen, welche in dem Vorgehen Wurmſers am 20. Auguſt ihren bezeichnenden Ausdruck fand.
Die naturgemäße Folge dieſes plötzlichen Vormarſches war die, daß nicht nur die Verab⸗ redungen vom 16. Auguſt allen Wert verloren, ſondern daß auch dem ohnehin ſchon argwöhni⸗ ſchen¹) preußiſchen Hauptquartier die ganzen Waldeckſchen Anträge als auf Täuſchung berechnet erſcheinen mußten. Denn man konnte dort kaum vorausſetzen, daß Wurmſer im Widerſpruch mit allen ſeitherigen Abreden ſo eigenmächtig und rückſichtslos vorgegangen ſein würde, wenn er nicht der Zuſtimmung des öſterreichiſchen Unterhändlers ſicher geweſen wäre, zumal dieſer ſelbſt bei der Expedition als Führer einer Hauptkolonne figurierte. Aus dieſer Auffaſſung er⸗ klärt ſich dann auch die ſonſt unverſtändliche Klage, welche in den preußiſchen Aktenſtücken aus der Zeit nach der Sendung Waldecks wiederholt laut wird, daß der Kriegsplan aus Wien immer noch nicht eingetroffen ſei. Man hatte eben angeſichts der berührten Vorkommniſſe den Glauben verloren, daß der Miſſion Waldecks die Abſicht einer ernſtlichen Verſtändigung über gemeinſame Kriegsführung zu Grunde gelegen habe. Wir haben geſehen, wie unzutreffend dieſe Auffaſſung war, und können uns daher nicht wundern, daß in Wien jene Klagen im höchſten Maße befremdeten, und daß man daſelbſt geneigt war in ihnen eine AÄußerung der ſo oft vor⸗ ausgeſetzten Perfidie des verbündeten Staates zu finden. Auch in dem ſchon erwähnten Schrei⸗ ben an Waldeck läßt Thugut dieſe Anſicht deutlich durchſchimmern, indem er dem Prinzen an⸗ kündigt, daß der Kaiſer, um Preußen jede Ausrede abzuſchneiden, den Vicepräſidenten des Hof⸗ kriegsrates, den Grafen Ferraris, beauftragt habe, ſich unverzüglich zum König zu begeben. ²)
¹) Daß Waldecks Eröffnungen von vornherein in der Umgebung des Königs auf Mißtrauen ſtießen, beweiſt eine Auslaſſung Manſteins in einem Briefe an Tauenzien vom 9. Aug.(v. Witzleben, a. a. O. II S. 244), in welcher er von Waldecks„Windbeuteleien“ redet.
²) D'après le rapport heißt es zu Anfang des Schreibens, que Vous avez adressé à l'Empercur le 17 du mois passé et d'après les autorisations, dont Votre Altesse se trouvoit munie, Sa Majesté s'Gloft flattéc, qu'au moins quant aux bases principales des opérations ulterieures l'on étoit entiérement d'accord entre les Alliés. Sa Majesté a donc appris avec peine qu'on soutenoit au quartier général de Sa Majesté Prussienne que rien n'étoit eucore reglé à cet égard et qu'on y paroissoit surtout dans P'intention de nous accuser d'ua retard aussi nuisible: la necessité d'ôter tout prétexte à une pareille inculpation a engagé Sa Majesté à ordonner au Viceprésident de son conseil aulique de guerre Me. le Comte de Ferraris de se rendre sans délai auprès du Roi de Prusse etc.


