Aufsatz 
Aus dem Leben des Prinzen Christian von Waldeck : ein Beitrag zur Geschichte der französischen Revolutionskriege nach urkundlichen Quellen : 1. Teil / von Theodor Hartwig
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Kaiſer geſandt habe, ohne ihm zuvor davon Kenntnis gegeben zu haben. Außerdem ſei der ganze Plan das gerade Gegenteil ſeiner eigenen Abſichten. Während er ſelbſt in Unthätigkeit an der Queich feſtgehalten werde, wolle der Prinz im Oberelſaß allein handeln, obwohl es ihm dort an der erforderlichen Truppenzahl mangele. Zudem ſei das ganze Projekt durch ſeine unter ſo glücklichen Auſpizien eröffneten Operationen hinfällig geworden.

Wenn es nach dieſem Schreiben auch undenkbar iſt, daß Wurmſer vor ſeinem Aufbruch durch Waldeck von deſſen letzten Verabredungen mit dem König Kunde erhalten hat, ſo wird doch wohl die Annahme berechtigt ſein, daß er nicht ganz unbekannt mit der Wendung war, mochte er nun bei ſeinem Beſuche in Edenkoben oder auf anderem Wege ſich über die Lage der Dinge orientiert haben. ¹) Jedenfalls tritt in dieſem Zuſammenhang ſein anſcheinend ſo unbe⸗ greiflich rückſichtsloſes Verfahren in ein ganz anderes Licht, und man wird zugeſtehen müſſen, daß der alte General das Mittel nicht ſchlecht gewählt hatte, um den ihm ſo unangenehmen Plan aus der Welt zu ſchaffen. Wenn er aber dem Prinzen von Waldeck über das ihn leitende Motiv im Unklaren ließ, ſo wird man ſich hierüber bei den Differenzen, welche allen Anzeichen nach damals zwiſchen beiden Führern beſtanden, nicht wundern können. Ebenſo wird man wohl in dieſer grundſätzlichen Meinungsverſchiedenheit beider Rivalen die Urſache zu ſuchen haben, weshalb Waldeck es vorzog den Operationsplan direkt nach Wien zu ſenden, anſtatt ihn zuvor Wurmſer zur Begutachtung vorzulegen. Denn er mußte ſich ſagen, daß der alte Haudegen nimmermehr aus freien Stücken, ſondern höchſtens infolge ſtrikten Befehls des Kaiſers ſich dazu verſtehen werde die ihm zugemutete defenſive Haltung zu bewahren.

Welchen Eindruck der Bericht Waldecks vom 17. Auguſt in Wien machte, läßt die Antwort Thuguts vom 7. September) nicht deutlich erſehen. Doch erfahren wir daraus, daß man annahm, eine Verſtändigung mit Preußen ſei auf dieſer Grundlage in der Hauptſache erreicht, und daß demgemäß die Dispoſitionen getroffen waren, um die in der Depeſche verlangten Truppen⸗ nachſchübe an den Oberrhein zu dirigieren. Begreiflicher Weiſe aber waren die Wiener Staats⸗ männer über die Abneigung der preußiſchen Heeresleitung gegen jede Offenſive in großer Ent⸗ rüſtung, und Thugut giebt in ſeinen vertraulichen Briefen an Colloredo dieſem Gefühle einen ſehr unverblümten Ausdruck. So wenig man zu jener Zeit ernſtlch eine Verſtändigung mit Preußen u la redaction du Plan d'operations je m'attendois de Votre part mon Prinçe que Vous me communi-

queriés le Plan en question avant de l'envoyer a la cour un Plan, qui egalement devint nul aprés les operations heureuses que jay commencé. Jay Thonneur etc.

2) Das Obige war bereits niedergeſchrieben als ich unter den Arolſer Archivalien ein Schriftſtück entdeckte, wel⸗ ches von einer mir unbekannten, dem Prinzen Waldeck aber der ganzen Faſſung nach ſehr befreundeten Hand herrührt. Dasſelbe iſt unter dem 18. Auguſt aus Edickhofen an den Prinzen gerichtet. In ihm findet ſich folgender Paſſus: Naßau es war dies der durch ſeine vielfachen Abenteuer in beiden Hemiſphären und ſeine Kriegsthaten zu Waſſer und zu Lande bekannte Prinz von Naſſau⸗Siegen, welcher ſich damals bei dem Heere des Königs befand(vgl. Maſſenbach S. 59) hat mir aufgetragen dir zu ſagen, daß er dich geſtern aufgeſucht habe, er bedauere dich verfehlt zu haben: dabey hat er mir anvertraut, daß der komman⸗ dirende(Wurmſer) ihm ohne den mindeſten Hehl vor Vaudemont und noch einigen von deiner Verabredung mit dem Könige geſprochen, daß er aber geantwortet habe, er könne es nicht glauben pour donner le change: daß auch der Prinz Condé darum wiſſe: ich glaube, daß es nöthig iſt, daß du davon unterrichtet ſeyſt. Am Rande hinzugefügt iſt die Bemerkung: Naßau beſchwöhrt dich ihn nicht zu compromittiren: ich ditte dich auch inſtändigſt die Worte bedürfen keines Commentars. Was bis dahin nur Vermutung war, darf nun wohl Gewißheit genannt werden.

¹) Arolſer Archiv.