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Anſprüchen mit dieſer Entſchädigung keine Genüge geſchehe. Am 6. Auguſt ſchrieb Friedrich Wilhelm an ſeinen Geſchäftsträger in Petersburg, den Grafen Golz, er habe ebenſo authen⸗ tiſche wie vertrauliche Nachricht erhalten, daß der Kaiſer dem pfälziſchen Hauſe ſtatt der Nie⸗ derlande Elſaß und Lothringen anbiete, welches man zuvörderſt auf Koſten Frankreichs zu erobern haben würde. Demnach müßte Preußen ſich nicht nur dazu entſchließen, den Krieg lediglich zu dem Zweck fortzuführen, um Oſterreich in den Beſitz der von ihm erſtrebten Entſchädigungen zu bringen, ſondern es würde ſich auch herausſtellen, daß Preußen dem Kaiſer neben dem Beſitz Belgiens auch die Erwerbung Baierns ſichern ſolle. ¹)
Es begreift ſich leicht, daß man im preußiſchen Hauptquartier ſich ſolchen Zwecken nicht dienſtbar machen wollte, und daß man namentlich wenig Neigung verſpürte, große Opfer für eine Eroberung des Elſaßes zu bringen. Dieſe Anſchauungen waren denn auch entſcheidend für die reſervierte Haltung, welche nach dem Falle von Mainz die preußiſche Heeresleitung beobachtete. Mit größter Spannung freilich auch mit lebhaftem Argwohn²) ſah man daher dem Eintreffen des öſterreichiſchen Geſandten in München, des Grafen von Lehrbach, entgegen, welcher nach der offiziellen Ankündigung aus Wien das politiſche Programm des öſterreichiſchen Miniſteriums überbringen und eine Verſtändigung mit Preußen herbeiführen ſollte. Vor ſeiner Ankunft, ſchrieb der einflußreiche Generaladjutant des Königs, Oberſt von Manſtein, ſchon am 27. Juli an den Herzog von Braunſchweig, könne in Anſehung des ferneren Kriegsplanes nichts feſtgeſetzt werden.)
In dieſe politiſch ſo geſpannte Situation fiel nun die Sendung Waldecks. Man verſteht nun leicht, weshalb er die Umgebung des Königs ſo mißtrauiſch und ſeinen Vorſchlägen ſo wenig entgegenkommend fand. Der König ſelbſt, der ja von Natur politiſchen Bedenken und Rückſichten weniger zugänglich war und von Anfang an mehr Eifer für den franzöſiſchen Krieg als ſeine meiſten Ratgeber an den Tag gelegt hatte, zeigte Waldecks Anträgen gegenüber, inſo⸗ weit ſie keine umfaſſende Beteiligung des preußiſchen Heeres und keine ſchwereren Opfer not⸗ wendig erſchienen ließen, wohlwollendes Eingehen, und der Prinz ſelbſt hatte gewiß bis zum 15. Auguſt Urſache zu glauben, daß ein Einverſtändnis über einen gemeinſamen Angriff auf der Baſis ſeiner Vorſchläge erzielt ſei. Hatte er doch am 11. Auguſt aus Dürkheim noch die ſchriftliche Zuſicherung im Namen des Königs erhalten, daß dieſer zu der Expedition in den Vogeſen 6 Bataillone beordern werde und daß er der Feſtſetzung des Tages entgegenſehe, an welchem der Angriff auf die Poſition an der Lauter zu erfolgen hätte, um danach das Erforderliche anordnen zu können. 4) Entſprechend dieſer Eröffnung hatte der Prinz noch am 15. an den Kaiſer berichtet, allein dieſe Depeſche, um ſich nicht durch ungenaue Angaben zu kompromittieren, noch zurückge⸗
1¹) S. Herrmann a. a. O. S. 393 f.
²) Wie begründet dieſes Mißtrauen war, erhellt am deutlichſten aus den eigenen Worten Thuguts, welcher in einem Schreiben an Colloredo vom 14. Juni Lehrbach für beſonders geeignet erklärte Luccheſini die Spitze zu bieten und unter dem 30. Juli über die Aufträge Lehrbachs bemerkt: Je crois devoir borner ses instructions uniquement à la partie politique, qui comme j'ai en l'honneur d'en prévénir V. E., se réduira à un verbiage, mis en avant pour gasner du temps et pour amuser le tapis, s'il est possible, jusqu'à ce que nous voyons plus clair avec la Russie et l'Angleterre, v. Vivenot, Vertr. Br. S. 20 u. 25. In einem Schreiben an Waldeck von unbekannter, aber unterrichteter Hand vom 18. Aug. heißt es über Lehrbachs Sendung: er wird hier(bei dem König) entweder böſes, oder wenns recht gut geht, nichts aus⸗ richten.(Arolſ. Arch.) Vgl. v. Sybel Rev. Zeit, II S. 349 f.
²³) Wagner a. a. O. S. 60. *⁴) Wagner a. a. O. S. 77.


