Aufsatz 
Aus dem Leben des Prinzen Christian von Waldeck : ein Beitrag zur Geschichte der französischen Revolutionskriege nach urkundlichen Quellen : 1. Teil / von Theodor Hartwig
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Am wenigſten aber gönnte er allem Anſchein nach Waldeck den Oberbefehl über das Korps am Oberrhein. In wie weit dieſer ihn durch ſein perſönliches Verhalten verletzt hatte, läßt ſich aus dem mir vorliegenden Material nicht mit voller Sicherheit erkennen. Man gewinnt jedoch den Eindruck, daß Waldeck bei ſeinen Unterredungen mit dem kommandierenden General es im Anfang in Betreff ſeiner eigenen Wünſche auf Verwendung in einem ſelbſtſtändigen Kommando an der rückhaltsloſen, vertrauenerweckenden Offenheit habe fehlen laſſen, und daß Wurmſer, als der Prinz ſpäter mit ſeinen Hintergedanken hervortreten mußte, ſich unangenehm dadurch berührt fühlte und Mißtrauen gegen deſſen weitere Abſichten faßte. ¹)

Ganz unverſtändlich aber muß auch bei Berückſichtigung aller dieſer Momente nach Waldecks Darlegung Wurmſers plötzlicher Vormarſch am 20. Auguſt bleiben.2) Man würde denſelben nach dem Vorausgegangenen nur als einen ganz unüberlegten Streich eines eigenſinnigen alle politiſchen Rückſichten in den Wind ſchlagenden und halb unzurechnungsfähigen Hitzkopfs zu bezeichnen haben, der ſelbſt bei den verantwortungsvollſten Operationen im Felde von Launen und Leidenſchaften anſtatt von ſorgfältiger Berechnung der gegebenen Faktore ſich leiten ließ, wenn nicht andere von Prinz Waldeck hinterlaſſene Papiere eine einfache und naturgemäße Erklärung dieſes jedenfalls gegen den König von Preußen rückſichtsloſen Vorgehens, gleichzeitig aber auch den Beweis lieferten, daß der vorausgeſchickte Bericht Waldecks über dieſe Kriſis in mehreren Punkten einer Korrektur dringend bedarf.

In der Arolſer Hofbibliothek findet ſich nämlich ein eigenhändiger von Waldeck herrühren⸗ der Entwurf eines Berichtes an den Kaiſer vom 17. Auguſt mit einem Operationsplan von demſelben Datum. Der letztere trägt die Überſchrift: Operationsplan unter dem 17. Auguſt 1793 mit Sr. Majeſtät dem König von Preußen. Aus dieſen Schriftſtücken erſehen wir, daß der Prinz am 16. Auguſt in dem preußiſchen Hauptquartier zur Überzeugung gelangt war, daß der König nicht mehr geneigt ſei die früher gemachten Zuſagen für einen kombinierten Angriff auf die franzöſiſche Stellung an der Lauter zu erfüllen. Der Prinz führte dieſe Wendung auf das tiefe, wie er hinzuſetzt, gewiß unbegründete Mißtrauen zurück, mit welchem man preußiſcherſeits der diplomatiſchen Sendung des Grafen Lehrbach entgegenſehe. Und in der That hatte die damalige Verwicklung ihren Urſprung nicht ſo ſehr in der Kriegslage als in politiſchen Er⸗ wägungen.

Die Beziehungen der beiden deutſchen Großmächte waren im Auguſt noch eben ſo wenig geklärt wie im März. Nur hatte ſich auf preußiſcher Seite das Mißtrauen gegen die Ziele der Thugutſchen Politik noch geſteigert. Der im Vertrage vom 23. Januar in Ausſicht ge⸗ nommene baieriſch⸗belgiſche Austauſch war bei dem entſchiedenen Widerwillen, mit welchem in England und in Baiern ſelbſt dieſem Projekte begegnet wurde, ziemlich ausſichtslos geworden. Auch hatten die preußiſchen Staatsmänner die Überzeugung gewonnen, daß den öſterreichiſchen

0) übrigens war die Verſtimmung Wurmſers gegen den Prinzen nicht von langer Dauer. Wenigſtens laſſen die Briefe, welche er gegen Ende des Jahres an Waldeck richtete, keine Spur mehr davon erkennen. Sie ſind voll von Anerkennung für deſſen militäriſche Leiſtungen und verraten ängſtliche Sorge für ſeine Geſundheit.

²) Das Entſchuldigungsſchreiben, welches Wurmſer am 22. Auguſt an den König richtete(Wagner S. 84), läßt uns über die eigentlichen Motive ſeines Vorgehens im dunkeln.