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ßenburg heranzurücken und daß, da man zweifelsohne auf den Feind ſtoßen würde, man mit aller Vorſicht marſchieren müſſe. Er habe deshalb einen Marſchplan ausgearbeitet, über wel⸗ chen er meine Anſicht einzuholen wünſche. Mit dieſen Worten legte er das Papier vor mich hin. Ich fragte Klingling:„Iſt der König davon benachrichtigt? Denn Sie wiſſen, daß eigentlich Herr von Wurmſer vom König und deſſen Befehlen abhängig iſt“.„Das weiß ich nicht“, ent⸗ gegnete Klingling,„aber Sie werden ſehen, daß Sie es ſind, der zur Führung der größten und wichtigſten Kolonne beſtimmt iſt“. Nachdem ich Marſchplan und Marſchordnung flüchtig durchgeſehen, gieng ich zu General Wurmſer, konnte aber nur die wenigen Worte aus ihm herausbringen: Wir müſſen marſchieren und Sie werden uns nicht im Stich laſſen. Ich glaubte, daß er im Ein⸗ verſtändnis mit dem Könige handele, ohne mir jedoch über das Warum und das Wie genaue Rechenſchaft zu geben. Da ich als Soldat den Befehlen Wurmſers zu gehorchen hatte, ſobald mir dieſer die Führung einer ſeiner Kolonnen übertrug, ſo mußte ich entweder auf das Kom⸗ mando verzichten oder für den Augenblick meine Verbindung mit dem preußiſchen Hauptquartier aufgeben. Im Grunde aber war ich überzeugt, daß der König von dem Vorgehen Wurm⸗ ſers benachrichtigt ſei. Indes war dies ein Irrtum. Die Marſchordre beſtimmte, daß die ver⸗ ſchiedenen Kolonnen am nächſten Morgen um 2 Uhr aufbrechen ſollten, und Abends 11 Uhr ſchickte Herr von Wurmſer einen Offizier mit der Meldung an den König, daß er ſich genötigt ſehe, den folgenden Tag ſeine gegenwärtige Stellung etwas zu ändern. Ohne die Antwort des Königs abzuwarten, welche natürlich nicht mehr rechtzeitig eintreffen konnte, rückten wir(20. Auguſt) aus. Dies war der feine Streich(tour d'adresse), dies der unter ſo eigentümlichen Verhältniſſen unternommene Vormarſch, welcher Wurmſer mit dem König völlig entzweite. Das Ganze war ſehr wenig überlegt, und die Folgen, welche ſich ſo leicht hätten vermeiden laſſen, verhängnisvoll.
Soweit der Prinz. Das Bild, welches ſeine Darſtellung von den Zuſtänden des öſterreichi⸗ ſchen Hauptquartiers, insbeſondere von den ſich dort kreuzenden feindlichen Einflüſſen, von den kleinlichen Eiferſüchteleien angeſichts der wichtigſten Entſcheidungen und von dem haltloſen Schwanken des Oberfeldherrn entwirft, iſt ſo ſeltſam, daß es ſchwer fällt die Zeichnung für völlig objektiv zu halten, obwohl damals auch anderwärts ähnliche Urteile beſonders über Wurmſer und ſeine Umgebung gefällt wurden. ¹)
Der offen zu Tage tretende Widerwille des Obergenerals gegen die Waldeckſchen Pläne hatte neben der tief wurzelnden Abneigung gegen ein Zuſammenwirken mit dem verhaßten preußiſchen Bundesgenoſſen ſichtlich zur Hauptquelle die Verſtimmung über das von Waldeck ſo ſehr empfohlene Projekt einer Expedition am Oberrhein. Er mochte mit Niemand die Lor⸗ beeren, welche er in dem Lande ſeiner Heimat zu pflücken hoffte, teilen und beſorgte bei einer Trennung der ſeinem Kommando unterſtellten Truppen in den Hintergrund geſchoben zu werden.
*) Vgl. Wagner a. a. O. S. 83 f. Selbſt Thugut ſchrieb unter dem 16. September an Colloredo aus Anlaß einer Mitteilung Waldecks(v. Vivenot, Vertr. Br. S. 40). Je commence à croire que le vieux bon homme manque en effet quelquefois un peu de jugement et se ressent de son dge, mais le plus dé- plorable c'est de voir tous ces messieurs se jalouser, se contrarier, se faire des niches les uns aux autres et au milieu de tous ces combats de la vanité et de l'interet personel la monarchie s'avance à grands pas vers son entière décadence. Wahrlich Worte voll tiefer Wahrheit!


