Aufsatz 
Aus dem Leben des Prinzen Christian von Waldeck : ein Beitrag zur Geschichte der französischen Revolutionskriege nach urkundlichen Quellen : 1. Teil / von Theodor Hartwig
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Ehe dieſes Schreiben jedoch in die Hände des Prinzen gelangte, war es zwiſchen den Füh⸗ rern der verbündeten Heere zu Differenzen gekommen, welche alle getroffenen Vereinbarungen illuſoriſch machten.

Nachdem Waldeck ſeine Verhandlungen mit dem König zu einem, wie er glaubte, glücklichen Abſchluß gebracht hatte, war er zu Wurmſer nach Ottersheim zurückgekehrt und hatte ihn von dem Ergebnis in Kenntnis geſetzt. Wurmſer war dem Anſchein nach ganz damit einverſtanden und gab ſeiner Zuſtimmung in einem Schreiben an den König Ausdruck. Dieſer hatte hierauf die entſprechenden militäriſchen Maßnahmen getroffen. Er ſelbſt zog am 14. Auguſt mit einem Corps von Dürkheim näher an Landau heran und verlegte ſein Hauptquartier nach Edickhofen (Edenkoben), um, wie Waldeck bemerkt, Wurmſer näher zu ſein(pour être plus à la portée de Mr. de Wurmser). In ſeiner neuen Stellung konnte das Corps nicht nur leicht die Blockade Landaus bewerkſtelligen, ſondern es diente auch der öſterreichiſchen Armee als Reſerve und deckte insbeſondere deren rechten Flügel. Die drei anderen Heeresteile rückten aus der zur Deckung von Mainz eingenommenen Linie gegen die Vogeſen vor. Der Herzog von Braunſchweig entriß am 17. Auguſt den Franzoſen den 2 Stunden ſüdlich von Pirmaſens gelegenen wichtigen Poſten am Kettrich. Hierdurch wurde die von der franzöſiſchen Moſel⸗ und Rhein⸗Armee gebil⸗ dete Verteidigungslinie zerriſſen und die Heere ſelbſt in ihrer Verbindung bedroht. ¹)

Durch dieſen Vormarſch der preußiſchen Armee war der nach Waldecks Vorſchlag in Aus⸗ ſicht genommene kombinierte Angriff auf die Weißenburger Linie in wirkſamer Weiſe vorbe⸗ reitet, und es bedurfte, wie der Prinz meinte, nur der entſprechenden Bewegung des öſterrei⸗ chiſchen Heeres und der verſprochenen Mitteilung des Angriffstermins an den König, um den Schlag mit zerſchmetternder Kraft auf das Haupt der Feinde fallen zu laſſen. Allein die uner⸗ läßliche Vorausſetzung für ſo erfolgreiches Zuſammenwirken, nämlich das völlige Einverſtändnis der Bundesgenoſſen wenigſtens auf militäriſchem Gebiet, war, als der günſtige Moment zum Schlagen gekommen war, nicht mehr vorhanden.

Über Urſache und Entwickelung des Zerwürfniſſes will ich zunächſt den Bericht des Prinzen ſelbſt folgen laſſen.

Nach dem Eintreffen des Königs in Edickhofen hatte Waldeckam 15. Aug. ſich dorthin begeben, um die Dispoſitionen für den Angriff endgültig mit dem Monarchen zu vereinbaren. Alles war, ſo erzählt der Prinz, nach Wunſch geordnet und der König verlangte, daß das Unternehmen im Oberelſaß zur Ausführung komme. Da Wurnſer ſich hierzu ausdrücklich verpflichtet und mich autoriſiert hatte eine Zuſage zu geben, welche mit den ausgeſprochenen Wünſchen der kaiſerlichen Regierung in Einklang ſtand, ſo trug ich kein Bedenken mein Wort zu verpfänden. Wurmſer hatte den König verſprochen den folgenden Tag ſelbſt nach Edickhofen zu kommen, um den Tag des Angriffs auf die Lauter feſtzuſtellen. Am Abende zuvor ſuchte ich ihn in Ottersheim auf und ſetzte ihm aus⸗ führlich alles, was mit dem König verabredet worden war, auseinander; aber wie erſtaunte ich, als plötzlich dieſer gute alte General ſagte: So, Sie wollen alſo die ganze Ehre des Feldzugs allein davon tragen und wollen vor mir in Straßburg ſein? Dazu gebe ich nie meine Ein⸗ willigung. Ich will von der Expedition im Oberelſaß überhaupt nichts mehr wiſſen, die ganze unter meinem Befehl ſtehende Armee wird im Unterelſaß operieren, die Truppen aus Oeſter⸗

*) Genaueres über dieſe Operationen ſ. bei A. Lufft a. a. O. S. 4 ff.