Aufsatz 
Aus dem Leben des Prinzen Christian von Waldeck : ein Beitrag zur Geschichte der französischen Revolutionskriege nach urkundlichen Quellen : 1. Teil / von Theodor Hartwig
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corps verſtärken konnten. Der König von Preußen nahm dieſe Vorſchläge wohlwollend auf, und hatte ſchon Anordnungen getroffen, um ſeine Streitkräfte gegen die Saar vorzuſchieben, als Graf Wartensleben ihn bat die Truppenbewegung zu inhibieren, weil in den nächſten Ta⸗ gen Prinz Waldeck mit einem neuen Feldzugsplan aus Wien eintreffen würde.

Der Plan Coburgs hatte nämlich in Wien wenig Anklang gefunden. Nach einem Schreiben Thuguts an Waldeck vom 3. Auguſtü) ſtand derſelbe 1. in Widerſpruch mit den auf möglichſte Trennung der beiderſeitigen Truppen und des Operationsfeldes gerichteten Wünſchen des Wiener Kabinets. Vielmehr hatte er gerade einen engen Anſchluß der verbündeten Streitkräfte zur Vorausſetzung, und man beſorgte davon vielfache Verwickelungen und Reibungen; 2. erſchien es zweifelhaft, ob die Eroberung von Saarlouis die Winterquartiere in Feindesland ermöglichen würde; 3. ſcheute man ſich durch eine Bewegung gegen Saarlouis die vorderöſterreichiſchen Lande zu entblößen und einem feindlichen Einfall preis zu geben, der unter den Umſtänden große Gefahren für ganz Süddeutſchland heraufbeſchwören könnte. Dazu kam, daß politiſche Rückſichten es den Wiener Staatsmännern wünſchenswert machten, ſich durch Eroberung des Elſaßes ein Fauſtpfand für demnächſtige Kriegskoſtenentſchädigung zu ſichern und daß man der Meinung war, Elſaß leicht gewinnen zu können, weil nach den Verſicherungen der Emigranten die Stimmung eines namhaften Teils der Bevölkerung eine wirkſame Unterſtützung des Angriffs erwarten ließ.

Die Beratungen über die nach der Eroberung von Mainz am Mittelrhein zu eröffnenden Operationen hatten in Wien ihren Anfang genommen, ehe man noch genaue Kenntnis von den Anſichten Coburgs über die Fortführung des Feldzuges gewonnen hatte. Im Auftrage des Kaiſers hatte Waldeck und andere Generale Gutachten über die Operationen des bei Mainz ſtehenden Wurmſerſchen Corps im Zuſammenhang mit den preußiſchen Truppen eingereicht. Das Memoire des Prinzen, welches vom 9. Juli datiert iſt,²) zieht vier Möglichkeiten in Erwägung:

1. der König von Preußen will nach der Einnahme von Mainz die Belagerung von Landau vornehmen. In dieſem Falle operiert Wurmſer am Oberrhein und rückt auf Hüningen los. Dadurch daß er die Aufmerkſamkeit des Feindes hier feſſelt, bekommt die preußiſche Armee vor Landau leichtes Spiel.

2. Hält man preußiſcherſeits das Unternehmen gegen Landau nicht für opportun, ſo wolle der König zur Eroberung des ganzen Elſaßes mitwirken. Es kann dies in der Weiſe geſchehen, daß er mit ſeinem Heer eine Demonſtration gegen die Saar macht, dann ſich plötzlich mit Zurücklaſſung eines Corps zur Beobachtung der Moſelarmee links wendet,

¹) Arolſ. Archiv. Mit dieſem Schreiben erhielt Waldeck zuerſt Kenntnis von dem Coburgiſchen Kriegsplan.

²) Dasſelbe iſt faſt wortlich nach dem im Wiener Staatsarchiv befindlichen Original zum Abdruck gebracht bei v. Vivenot Herzog Albrecht von Sachſen Teſchen, II, 1. Abt. S. 512 ff. Waldeck erzählt in ſeinem Journal, er habe den Auftrag zur Abfaſſung ſeines Gutachtens vom Kaiſer an dem Tage erhalten, an welchem die Nachricht von der Kapitulation von Mainz eingetroffen ſei. Dieſe Angabe beruht jedoch unzweifelhaft auf einem lapsus memoriae. Auch dem Inhalt nach weichen die Angaben des Journals über jenes Memoire in mehreren Punkten nicht unweſentlich von dem von Vinenot produzierten Original ab. Eine Erklärung dieſer Differenz kann meiner Ueberzeugung nach nur in dem Umſtand gefunden werden, daß Waldeck, als er dieſen Theil ſeiner Denkwürdigkeiten niederſchrieb, keine Aufzeichnungen aus jener Zeit vor ſich hatte und an ſeinem Gedächtnis keine ſichere Stütze fand. Für eine bewußte Entſtellung des wah⸗ ren Sachverhalts läßt ſich wenigſtens kein ausreichendes Motiv finden.