Aufsatz 
Aus dem Leben des Prinzen Christian von Waldeck : ein Beitrag zur Geschichte der französischen Revolutionskriege nach urkundlichen Quellen : 1. Teil / von Theodor Hartwig
Einzelbild herunterladen

21

mehrfache Proben des ehrenvollen Vertrauens, welches man in ſeine Talente ſetzte, erhielt, ¹) we⸗ der ſeinem lebhaften Temperament noch ſeinem Ehrgeiz volle Befriedigung gewähren. Er ſehnte ſich bald in das Feldlager zurück, obwohl er ſich nicht verhehlte, daß der ganze franzöſiſche Krieg wenig nach ſeinem Geſchmack war. ²)

Dieſe Abneigung des Prinzen hatte in den politiſchen Verhältniſſen ihren Ausgangspunkt und wurzelte beſonders in der gerade damals mehr und mehr ſich bei ihm befeſtigenden Über⸗ zeugung, daß die weſentliche Vorausſetzung einer erfolgreichen Kriegsführung, die Einigkeit der deutſchen Mächte, völlig geſchwunden war. Zwar wurden die Rüſtungen für den kommenden Feldzug eifrig betrieben, und beſonders ſtrengte jetzt Oſterreich ſeine Kraft an, um das verlorene Belgien wieder zu gewinnen.*) Aber für den, welcher die wahren Geſinnungen kannte, mit denen die ſeitherigen Bundesgenoſſen ſich gegenſeitig betrachteten, mochte es damals zweifelhaft ſein, ob ſie das geſchärfte Schwert nicht bald gegen einander zücken würden. Als in Wien der Vertrag vom 23. Januar bekannt geworden war, in welchem ſich Rußland und Preußen über die zweite polniſche Teilung geeinigt und Oſterreich auf den baieriſch⸗belgiſchen Tauſch verwie⸗ ſen hatten, kam das innere Zerwürfnis zwiſchen den Alliierten zum Ausbruch. Obwohl der preußiſche Geſandte in Wien, Graf Haugwitz, am 24. Dezember 1792 die Zuſtimmung des Kaiſers und ſeines Miniſteriums zu der Beſitzergreifung in Polen nach ſeiner Erklärung erhal⸗ ten hatte,¹) ſo war man in Wien doch auf das tiefſte durch den definitiven Abſchluß verſtimmt, weil man nicht zu den Verhandlungen herangezogen war, hauptſächlich aber, weil Preußen ſeine Entſchädigung für die Kriegskoſten in der Hand hatte, während Oſterreich einen unſicheren Wechſel auf die Zukunft erhielt, welcher für den Augenblick umſoweniger Wert beſaß, da Bel⸗ gien ſich in den Händen der Franzoſen befand. Der Zorn des Kaiſers Franz loderte in hellen Flammen auf. Zuerſt mußten denſelben ſeine Miniſter verſpüren, weil er glaubte, daß ſie ſich von den Preußen hätten dupieren laſſen. Sie wurden alsbald auf die Seite geſchoben und Baron Thugut mit der Leitung der auswärtigen Geſchäfte betraut. Wie man nun auch über den Charakter und das politiſche Syſtem des rührigen Staatsmannes urteilen mag, ſelbſt ſein be⸗ geiſterter Lobredner, Freiherr von Vivenot, ſtellt nicht mehr in Abrede, daß ſeine Politik von einer intenſiven Feindſchaft gegen Preußen beherrſcht war. Die Allianz mit dieſem Staate nennt er in einem vertraulichen Briefe geradezu eine monſtröſes), und nach ſeinem eigenen Ge⸗ ſtändnis war ſein Abſehen darauf gerichtet, die verbündete Macht nicht zum ruhigen Beſitz in Polen gelangen zu laſſen.²) Dieſen Worten entſprachen ſeine Thaten, und es war daher nur natürlich, daß, als in allen Angelegenheiten dieſe feindſelige Geſinnung ſich bemerklich machte,

¹) Vgl. z. B. v. Vivenot, Vertr. Briefe S. 19.

¹) Schreiben des Prinzen an ſeine Mutter vom 24. Januar.

²)ce quil y a de sur pourtant, c'est qu' alors la maison d' Autriche songeoit serieusement à reprendre les Pays-bas, quelque fussent ses projets pour lavenir quant à ces provinces la ſagt Waldeck in ſeinem Tagebuche.

*) Friedrich Wilhelm an Graf Goltz. d. 29. Dez. 1792. S. Herrmann, Dipl. Correſp. S. 315.

³) Thugut an Colloredo d. 26. Aug. 1793 bei Vivenot, Vertr. Briefe, 1 S. 35. In einem Schreiben an denſelben vom 30. Sept.(Vivenot S. 46) braucht er den Ausdruck: c'est en verité une race infernale que ces bons alliés.

*) Morton Eden an Lord Grenville, Herrmann, S. 389.